Erst die Kinder schaukeln und jetzt auch noch das eigene Unternehmen

Als Tine und Nanette sich 2019 zum ersten Mal auf einem Spielplatz in Ottensen trafen, waren sie sich nicht nur sofort sympathisch, sondern stellten auch schnell fest, dass sie mit ähnlichen Problemen struggelten: Tine lebte in Trennung und Nanette mit einem Mann zusammen, der nur am Wochenende Zuhause war. Beide hatten demnach im Alltag oft Probleme mit der Kinderbetreuung.

Mal schnell etwas einkaufen, einen Arzttermin wahrnehmen oder eine Runde joggen gehen? Unmöglich als Single Mom – zumindest ohne Babysitter. Für Tine kam ergänzend hinzu, dass sie eine bezahlbare Wohnung im Kiez suchte. „Ich wollte unseren Sohn zusätzlich zur Trennung nicht auch noch mit einer neuen Kitasituation und ungewohnten Umgebung belasten, aber eine passende – und bezahlbare – Wohnung in Ottensen zu finden, erschien fast aussichtslos.“

Im Gespräch auf dem Spielplatz überlegten die beiden Frauen dann spontan: Warum muss es eigentlich immer der jeweilige Partner sein, mit dem man sich Miete, Organisation und Sorgen im Alltag teilt? Wäre das Leben in einer Alleinerziehenden-WG nicht eine Alternative? Die Idee zu “Lemulike – Flatsharing with kids” war geboren.

Wir haben mit Tine und Nanette über ihre Online-Plattform www.lemulike.de zur WG-Suche für Alleinerziehende gesprochen.

Tine, lebst Du denn nun wirklich in einer Alleinerziehenden-WG?

Leider nicht. Ich habe damals Anzeigen geschaltet, aber keine passende WG gefunden. Hätte es Lemulike damals schon gegeben, ich hätte es liebend gerne genutzt.

Also ist Eure Firma aus einem klassischen „eigenen Bedarf“ entstanden?

Ja, genau. Unsere Idee entstand 2019 auf dem Spielplatz. Konkretisiert haben wir das Konzept bei einigen Gläsern Wein im ersten gemeinsamen Urlaub. Im Januar 2020 haben wir Lemulike als UG gegründet. Live gegangen ist die Website dann allerdings erst im Dezember. Wir arbeiten beide hauptberuflich in anderen Jobs: Ich bin Lehrerin und Nanette Projektmanagerin im IT-Bereich. Ehrlich gesagt, war die Website doch deutlich aufwendiger als zuerst gedacht. Wir haben uns sämtliche Themen selbst erarbeitet, eine ziemliche Herausforderung. Für die technische Expertise haben wir uns schon früh unseren Freund und Webentwickler Tommy ins Boot geholt und sind heute bei Lemulike also zu dritt.

Was sind denn aktuell Eure größten Herausforderungen? Oder läuft alles schon rund?

Die Zielgruppenansprache ist noch schwierig. Unsere Community muss wachsen und dafür brauchen wir Awareness und Traffic. Erst wenn immer mehr Menschen in den gleichen Städten – oder noch besser in denselben Kiezen und Veedeln – WGs suchen, wird es richtig interessant. Auch unsere Finanzierung ist noch im Aufbau. Wir möchten uns über Werbung und Sponsoren finanzieren, denn die Lemulike soll für die User kostenfrei bleiben.

Trotzdem läuft es schon besser als gedacht, insbesondere seit wir aktive Pressearbeit machen, erhalten wir viele positive Rückmeldungen. Kurzum, wir glauben: Die Gesellschaft ist bereit für Lemulike!

Was erhofft Ihr Euch denn eigentlich vom WG-Leben bzw. welche Erleichterungen seht Ihr dadurch im Alltag Alleinerziehender?

Zum einen ist es der finanzielle Aspekt: Gerade in Großstädten werden das Leben und vor allem die Mieten immer teurer. Mit zwei oder mehr Gehältern ist es einfach leichter eine Wohnung zu bezahlen. Größere Mietobjekte sind ja prozentual auch oft günstiger als die klassischen 50 bis 70 Quadratmeter, um die so viele konkurrieren. Außerdem denken wir, dass es mit zwei oder mehr Gehältern auch einfacher sein kann Vermieter:innen von der eigenen Solvenz zu überzeugen – statt „Double Income No Kids“ einfach „Double Income with Kids“.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Unterstützung im Alltag. Bei mindestens zwei Erwachsenen, kann sich immer mal eine/r die dringend nötigen Freiräume verschaffen – egal ob spontan oder geplant. Ebenso wie in klassischen Familienmodellen auch.

Oft ist es auch schön einen zweiten Erwachsenen als Ansprechpartner zu haben: Abends auf der Couch, bei Mahlzeiten, aber auch wenn mal der Schuh drückt und ein spontaner Austausch hilft.

Zu guter Letzt kann es darüber hinaus ein Bonus sein, mehrere Kinder im Haushalt zu haben. Wenn es richtig gut läuft, steht dann steht perspektivisch immer ein/e Spielgefährte/in bereit.

Okay, mich habt Ihr schon mal überzeugt! Steht Euer Angebot denn ausschließlich Alleinerziehenden zur Verfügung?

Der Fokus liegt ganz klar auf Alleinerziehenden, es können sich aber auch andere interessierte WG-Fans bewerben. Also beispielweise Alleinstehende, die Platz und Lust auf Leben in der Bude haben.

Das Prinzip ist ganz einfach und bekannt. Man kann entweder Räumlichkeiten in der eigenen Wohnung anbieten und Mitbewohner suchen oder eben ein Suchinserat einstellen. Auch die Suche nach Mitbewohner:innen, mit denen man dann gemeinsam auf Wohnungssuche geht und eine neue WG gründet ist möglich.

Wir haben außerdem eine Chat- und Mailfunktion, private Daten sind bei uns sicher aufgehoben und Profilbilder sind für nicht angemeldete User aus Sicherheitsgründen verpixelt. Auch die Suche unter einem Pseudonym ist möglich. Die Erfahrung hat gezeigt, dass dies insbesondere in prekären Trennungssituationen wichtig sein kann.

Auch Details und Sonderwünsche können angegeben werden. So mag der/die eine beispielsweise ein zweites Badezimmer, bringt Haustiere mit oder hat einen ganz besonderen Sinn für Ordnung. All das kann vermerkt werden. Und natürlich auch, falls nur ein weiblicher oder männlicher Mitbewohner in Frage kommt.

Und ganz wichtig: Wir sind keine Makler, sondern stellen lediglich die Plattform zur Verfügung.

Wie sieht es denn mit dem Problem der Steuerklasse 2 aus? Diese verliert man ja meist, wenn ein zweiter Erwachsener im Haushalt lebt. Könnte dies ein Hinderungsgrund sein?

Auch dieses Thema ist uns bewusst. Es wird ja da zwischen Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft unterschieden und das ist ein schmaler Grat. Eine Wirtschaftsgemeinschaft ist man schon, wenn man sich die Fächer im Kühlschrank teilt, also wird man das selten verhindern können. Ich habe mir das aber mal ausgerechnet und bei meinem Gehalt war die Ersparnis recht gering. Stellt man dies dann den Vorteilen und Einsparungsmöglichkeiten einer WG gegenüber ergibt sich aus meiner Sicht schnell trotzdem ein Vorteil. Aber das muss natürlich jeder für sich und ggf. auch mit seinem Finanzamt klären und abwägen.

Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft?

Wir wünschen uns, dass unser Angebot wahrgenommen und genutzt wird. Und dass Alleinerziehende perspektivisch einen echten Vorteil durch Lemulike haben werden. Schön wäre auch wenn wir vielleicht irgendwann mit Sozialämtern in Kontakt kämen, denn eine WG könnte doch eine gute Alternative zu einer kleinen Sozialwohnung sein, oder?

Ich danke Euch beiden für das sympathische Gespräch und wünsche Euch ganz viel Erfolg für Eure Plattform. Vielleicht können wir ja bald mal aus dem Alltag einer durch Lemulike entstandenen WG berichten.

Was wir von den Lemuren lernen können:

Lemuren-Babys kommen noch nicht voll entwickelt auf die Welt und haben etwa noch keine Kraft, sich an der Mutter festzuhalten. Die alleinerziehende Mutter muss sich daher genau wie bei menschlichen Babys intensiv um ihren Nachwuchs kümmern, wodurch sie wenig Zeit für sich und die Futtersuche hat.

Die Lemuren-Mütter haben deshalb eine clevere Lösung gefunden: Sie gründen sogenannte Baby-Nester, leben ähnlich wie in Wohngemeinschaften, und helfen sich gegenseitig im Alltag und bündeln ihre Kräfte. So ist die einzelne Mutter flexibler und kann sich zur Futtersuche vom Nest entfernen, während ihr Baby von den anderen Müttern mitversorgt wird.

Diese Art der gegenseitigen Unterstützung findet nicht nur unter verwandten Lemuren statt, sondern auch nicht miteinander verwandte Lemuren nutzen das Konzept.

Von Sara Buschmann

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