Der Normalfall häuslicher Gewalt

 

Auf Netflix gibt es eine neue Serie, die jede*r gesehen haben sollte. Ich sag’s ganz frei: Es ist die beste Serie des Jahres. Nicht nur, weil sie so gut umsetzt wurde, sondern weil sie Sichtbarkeit für die Situation von alleinerziehenden Müttern* schafft – und ganz besonders für jene, die von Gewalt betroffen sind.

Triggerwarnung: häusliche Gewalt

Das Drama „Maid“ ist Anfang Oktober gestartet und erzählt die Geschichte von Alex, die für sich und ihre Tochter Maddy um ein besseres Leben kämpft. Sie flüchtet vor Maddys gewalttätigem Vater, spielt aber im Frauenhaus die erlebte Gewalt herunter, denn schließlich habe er immer nur in die Wand neben ihren Kopf geschlagen. Dass es verschiedene Arten von Gewalt gibt und Alex von der psychischen Form betroffen ist, lernt sie erst im Verlauf der Serie.

Als Zuschauerin wollte ich mehrmals durch den Bildschirm steigen und Alex beim Kampf um ihr Überleben beistehen – besonders, weil sie mich an einigen Stellen an mich selbst erinnert hat. Alex stößt im immer wieder an die Grenzen des Systems. Um ihre Tochter Maddy und sich versorgen zu können möchte sie sich einen Job suchen. Aber dafür muss Maddy in der Kita betreut werden. Das Dilemma: Für einen Kita-Platz muss Alex einen Arbeitsvertrag vorlegen. Es ist zum Haareraufen!

Außerdem werden wir innerhalb der Serie Zeug*innen von einer weiteren Form der Gewalt: Maddys Vater hat sich einen Anwalt besorgt und beim Familiengericht das alleinige Sorgerecht für Maddy beantragt, weil Alex ohne Job gar nicht für sie sorgen könne. Vor Gericht wird Alex’ Flucht in ein Frauenhaus zudem negativ ausgelegt – sie habe ihrem Ex „das Kind entzogen“, Beweise für die erlebte Gewalt konnte sie nicht vorlegen. Maddy kam also vorübergehend zurück in die Obhut des Vaters. Was Alex im Familiengericht erlebt nennt sich institutionelle Gewalt: Den Begriff in diesem Zusammenhang zu nutzen hat im deutschen Raum die Mütterinitiative für Alleinerziehende (MIA) geprägt. Das Muster der institutionellen Gewalt: Müttern, die vor Gewalt flüchten mussten, wird nicht geglaubt. Stattdessen werden sie in die Rolle der wahlweise hysterischen oder manipulativen Mutter gedrängt. Es ist ein unbewusster Prozess, der mit dem Gender Bias, also mit sexistischen Vorurteilen, erklärt wird.

„Maid“ ist eine wahre Geschichte und kein Einzelfall. Sie basiert auf der Autobiographie von Stephanie Land, die im Gegensatz zu Alex in der Serie noch Schlimmeres erlebt hat. Zum Beispiel eine weitere Beziehung mit einem Mann, der körperlich gewalttätig war und vor dem sie ebenfalls fliehen musste. Was Stephanie Land erlebt hat, erleben viele Frauen in den USA, aber auch in Deutschland.

Ich interviewe seit einem Jahr Mütter, die vor ihrem gewalttätigen Ex-Partner fliehen, aber von Behörden wie der Polizei oder dem Familiengericht nicht geschützt werden. Der wiederkehrende Grund: Beweise fehlen. Tatsache ist aber, dass Institutionen gar nicht wissen, dass fehlende Beweise leider normal sind und dass sie daher nach Indizien suchen müssen, um die Machtspiele gewalttätiger Männer zu erkennen. Polizist*innen, Gutachter*innen und Familienrichter*innen sind oft nicht ausreichend geschult, das hat der gemeinsame Alternativbericht zahlreicher Frauen-Initiativen zur Istanbul Konvention festgestellt.

All das ist in der öffentlichen Wahrnehmung bisher nicht angekommen – erst Recht nicht im TV. Vielmehr werden seit Jahren Geschichten über manipulative Mütter erzählt, die ihre Kinder aus Hass oder Groll aktiv vom Vater „entfremden“ – wie im aufsehenerregenden Film „Weil du mir gehörst“, der 2019 im Ersten lief. Im Anschluss daran gab es eine Talk-Runde mit Gästen, die solche Fälle bestätigten. Der Tenor: Mütter sollten akzeptieren, dass Kinder nun mal auch Väter bräuchten. Ein Hohn für gewaltbetroffene Mütter*.

„Maid“ schafft Sichtbarkeit für die Perspektiven dieser alleinerziehenden Mütter. Die Stärke der Serie ist es, nicht den Extremfall, sondern den Normalfall von Gewalt zu zeigen – also eine Frau mit Kind, die unsichbare Gewalt erlebt. Denn die wird noch viel zu häufig von uninformierten Freund*innen und Behörden heruntergespielt. Dass deshalb Hilfe oft verwehrt wird hat ja auch etwas Extremes.

 

Von Anne Dittmann

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