In Deutschland leben rund 1,5 Millionen Alleinerziehende. Das entspricht der Bevölkerung Münchens. Das Armutsrisiko alleinerziehender Personen ist in Deutschland mit fast 33% doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Und gut 90 % aller Alleinerziehenden sind Frauen und weiblich gelesene Personen.

Ich bin eine dieser Frauen. Und sowohl relative als auch absolute Armut ziehen sich durch meine gesamte Biografie. Meine Mutter war alleinerziehend. Meine Großeltern ohne Besitz, mein Vater arbeitsunfähig. Seit frühester Kindheit weiß ich wie es ist, kein Geld zu haben. Ich wurde mit 16 schwanger, zog von zu Hause aus.

Mit 17 hatte ich noch keinen Schulabschluss, ein 6 Monate altes Baby. Die Erstausstattung für mein Kind habe ich über einen sozialen Verein erhalten. Wenn ich einkaufen war, rechnete ich auf den Cent genau mit. Frisches Obst und Gemüse gab es stets nur am Anfang des Monats, Toast mit Margarine und Eiern am Ende.

Ich lebte in einer Wohnung, in der es bis unter die Decke schimmelte, in der Möbel aus einem Wohlfahrts Möbellager standen.

Mein Kind hatte überwiegend Plastikspielzeug und ich kaufte unsere Kleidung in Textil Discount Läden – die einzige Möglichkeit wie wir überhaupt neue Kleidung haben konnten. Für uns war es wirklich absoluter Luxus einen Döner zu holen. Zum Zahnarzt zu gehen, war jahrelang unmöglich, was man meinen Zähnen heute ansieht.

Ich hatte im Grunde nichts und für mich doch so viel.

Ich war sehr stolz auf das, was ich hatte. Ein Dach über dem Kopf. Ein Zuhause. Ein verschnörkeltes Metallbett, das irgendjemand nicht mehr wollte und ich tatsächlich noch 10 Jahre nutzte. Einen kleinen Fernseher, eine Stereo Anlage, einen Kerzenständer, mein Bücherregal. Ich entschied mich dafür, meinen Schulabschluss und eine Ausbildung zu machen und war so von absoluter Armut betroffen, häufte Schulden an. Davon habe ich mich bis heute nicht erholt. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Zunächst hatte ich nur einen niedrigen Bildungsabschluss, machte meine Ausbildung im sozialen Bereich, konnte aufgrund meiner Kinder nie Vollzeit arbeiten. Und selbst wenn, hätte sich mein Gehalt noch immer im Niedriglohnsektor bewegt.

Später entschied ich mich für Bildung und Weiterbildung anstelle von Lohnarbeit.

Im Moment bin ich zum Glück nur von relativer Armut betroffen. Weil ich Unterhalt vom Vater meiner Kinder erhalte und (noch) im Student*innenwohnheim lebe. Weil ich zwei Jahre lang neben dem Studium mindestens Teilzeit gearbeitet habe. In den nächsten Monaten besteht jedoch die Möglichkeit, dass ich wieder einmal von der relativen in die absolute Armut komme. Weil ich mich ein weiteres Mal für Bildung entscheide.

Ich habe (momentan) keine eigenen Möbel, keine Wertgegenstände, keinerlei Vermögenswerte. Aber zwei Kinder mit dem Recht auf Bildung, Kultur und Teilhabe.

Und ich habe Existenzängste. Solche, die meine Lebensqualität deutlich einschränken. Sie sind wesentlich für meine Angststörung.

Diese Plattform bietet mir das große Privileg, damit hin und wieder Geld zu verdienen. Ich habe das große Privileg hin und wieder für Texte bezahlt zu werden. Aber all das ist weit entfernt von Regelmäßigkeit. Weit entfernt von Gewinnchancen. Weit entfernt von der Wiederherstellung meiner Bonität, die ich bereits mit 19 schon nicht mehr hatte.

Ich war arm, bevor ich alleinerziehend wurde. Und weil ich alleinerziehend bin, werde ich tendenziell arm bleiben. Meine Chance ist mein Studium und dieses Buch, das ich grad schreiben darf. Das hier ist meine Chance.

Und ich weiß, Menschen glauben gerne an Erfolgsgeschichten und an das Märchen der Tellerwäscher*in die zur Millionär*in wurde. Aber die Wahrheit ist doch die, dass ich wesentlich näher dran bin, wohnungslos zu sein als reich zu werden. Das sind die allermeisten Menschen hier. Alleinerziehende Frauen und weiblich gelesene Personen aber besonders.

Das Armutsrisiko alleinerziehender Personen ist kein neues, plötzlich aufgetretenes Phänomen. Die Ursachen liegen in Jahrhunderte alten patriarchalen Strukturen. Und die heutigen Zahlen unterscheiden sich kaum von denen der letzten Jahrzehnte. In Deutschland wurde in den letzten 16 Jahren absolut nichts zur Verbesserung des Armutsrisikos Alleinerziehender unternommen und die derzeit entstehende neue Regierung verspricht wenig Hoffnung auf Besserung.

Und ich würde gerne sagen, dass ich damit klarkomme. Aber das tue ich nicht. Weil ich alleinerziehend bin. Weil ich allein das leisten soll, was häufig nicht mal mehr zwei Elternteilen gelingt und dafür in jeglicher Hinsicht Abwertung erfahre. Und jedes einzelne Mal, wenn mir Menschen erzählen, ich wäre so stark ist in meinem Kopf all das hier und richtig viel Wut.

Weil ich nicht stark bin, sondern marginalisiert. Und weil mir keine andere Wahl bleibt, als weiter an den Dingen zu arbeiten, an die ich glaube. Zum Glück bin eines dieser Dinge ich selbst.

In Deutschland leben rund 1,5 Millionen Alleinerziehende. Das entspricht der Bevölkerung Münchens. Das Armutsrisiko alleinerziehender Personen ist in Deutschland mit fast 33% doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Und gut 90 % aller Alleinerziehenden sind Frauen und weiblich gelesene Personen.

Ich bin eine dieser Frauen. Und ich bin auf jeden Fall trotz Mehrfachmarginalisierung an vielen Stellen privilegiert. Allein schon dadurch, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe diesen Text zu schreiben.

Und ich möchte, dass es Normalität wird, dass wir mitgedacht werden, geachtet und geschützt werden. Ich möchte, dass Menschen aufhören uns für unsere Stärke zu bewundern, die in den allermeisten Fällen nichts anderes ist als blanke Überlebensstrategie.

Die Autorin

Yassamin-Sophia Boussaoud ist 30 Jahre alt, alleinerziehend und Mutter von zwei Kindern im Alter von 9 und 13 Jahren. Yassamin-Sophia arbeitet als Autorin, studiert Komparistik und Philosophie und ist Aktivistin für intersektionale Themen.

Von Yassamin-Sophia Boussaoud

Wie Du SOLOMÜTTER unterstützen kannst

WERDE ABONNENT*IN — Abonniere uns bei Steady und supporte SOLOMÜTTER mit einem kleinen monatlichen Betrag — schon ab drei Euro.

ERZÄHLE VON UNS — Wenn dir unsere Arbeit gefällt, rede drüber. Mit Freund*innen, bei der Arbeit, im Verein oder auf Twitter und bei Instagram.

SPENDE EIN BISSCHEN — Wir freuen uns sehr über Unterstützung in der Höhe, die dir möglich ist. Sende uns jederzeit ein paar Euro via PayPal oder auf unser Konto. Gerne stellen wir für Beträge ab 50 Euro auch Spendenquittungen aus.