So many Termine, so little Time!

 

Vier Termine für ADS Diagnostik im Oktober für meine Tochter, jeweils vormittags um 10 in einer benachbarten Stadt? Kein Problem, das krieg ich hin. Diagnosen sind wichtig, und meinem Kind soll es ja gut gehen, bzw. müssen sowohl die Schule als auch meine Jüngste (12) und ich wissen, woran wir sind.

Die Herbstmonate sind auch traditionell die Zeit der Elternabende, hier in BW ging vor kurzem die Schule erst wieder los, also werde ich auch zwei Elternabende in den Kalender eintragen, denn ich habe noch ein zweites schulpflichtiges Kind, einen 15-jährigen Sohn. Wann diese Elternabende stattfinden, erfahre ich immer relativ kurzfristig. Kein Problem, auch das kriege ich hin!

Da ich drei Kinder habe, von denen eins schon erwachsen ist und mittlerweile in einer Universitätsstadt wohnt, gab es noch vor einigen Jahren durchaus mal Wochen, in denen ich entweder drei Abende hintereinander auf Elternabenden war, oder in denen ich mit hätte teilen müssen, denn ich bin alleinerziehend – der Vater meiner Kinder war nach unserer Trennung auf keinem einzigen Elternabend, hat keinen einzigen Arzttermin mit einem Kind wahrgenommen, und auch sämtliche regulären Elterngespräche in Kita und Schule ausgelassen. Dass ich als Alleinerziehende zu den Vorsorgeuntersuchungen in den ersten Babymonaten bei der Kinderärztin auch immer allein gegangen bin, versteht sich von selbst, und wenn Kita- und Schulfeste anstanden, war ich zwar nicht immer da, aber diejenige, von der das erwartet wurde.

Bleiben wir noch einen Moment bei den Kinderarztterminen und den Bildungseinrichtungen: Ich habe vorhin überlegt, wie viele Termine dieser Art meine Mutter wohl mit meinem Bruder und mir in unserer Kindheit hatte. Fragen kann ich sie leider nicht mehr, denn sie ist vergangenes Jahr gestorben, aber Wikipedia sagt, dass die U-Untersuchungen 1971 eingeführt wurden, da war ich fünf Jahre alt. In die Kita bin ich nur ein Jahr lang gegangen, nämlich das Jahr vor der Einschulung. Und Elternabende, das weiß ich aus Erzählungen, fanden damals ein Mal im Jahr statt, sie waren schnell vorbei und der Hauptteil bestand im geselligen Beisammensein in der Gastwirtschaft bei einem Glas Wein. Als Kind dachte ich, Elternabende seien so etwas ähnliches wie Kindergeburtstage für Kinder, denn meine Eltern haben sich immer darauf gefreut, sie kamen ausgesprochen heiter davon zurück, und berichteten eigentlich nie Inhaltliches davon.

Früher war nicht alles besser, und natürlich ist es gut, dass es heute U-Untersuchungen gibt und auch die Idee der halbjährlichen Entwicklungsstandsgespräche in Kita und Schule ist im Grunde gut. Aber ich frage mich schon, ob denjenigen, die dazu einladen, klar ist, wie viele Termine dieser Art wir als Elternteile haben, insbesondere, wenn wir alleinerziehend sind? Jedes Elterngespräch am Vormittag oder im Laufe des Tages bedeutet, dass mindestens ein halber Tag im Job freigenommen werden muss.

Meine Mutter war Hausfrau, die hätte dafür sogar Zeit gehabt – allerdings gab es in meiner gesamten Kita- und Schulzeit nur ein einziges Elterngespräch, und um das hatten meine Eltern beim Mathelehrer gebeten, weil sie sich in Klasse 8 Sorgen um meine Noten in diesem Fach machten. Der Lehrer übrigens war ganz erstaunt, dass die beiden bei ihm aufschlugen, er meinte, das wäre doch alles nicht der Rede wert, ich sei mit meiner 4- gar nicht besorgniserregend schlecht. Das war alles, ansonsten gab es noch einen Zahnarzttermin, als ich 15 war, bei dem meine Mutter dabei war, finito.

Ich hingegen, und ich schätze, die meisten von uns Alleinerziehenden, gehen heute nicht nur pflichtschuldig zu sämtlichen U-Untersuchungen, allen Impfungen nach StiKo, auf Elternabende, zur Zahnarztvorsorge, zu Entwicklungsgesprächen, Pipapo, und wenn wir Kinder mit Förderbedarf/Behinderung haben, so wie ich, auch noch zur Ergotherapie, zum Logopäden, umfangreicher Diagnostik, haben Hilfeplangespräche mit dem Jugendamt, der Schule, und bringen die Kinder zu ihren Therapeuten.

Das alles muss irgendwann gemacht werden, und zwar zu den üblichen Geschäftszeiten. Dummerweise sind Alleinerziehende überproportional vollzeitnah berufstätig und arm, sodass erstens jeder Verdienstausfall wehtut, und wir zweitens unter chronischer Zeitnot leiden. Aber Hauptsache, dem Kind geht’s gut!

Sorry, das ist jetzt etwas sarkastisch, aber mir scheint, dass bei all den Kontrollen und Terminen rund ums Kind ein bisschen aus dem Blick gerät, dass all das nur funktioniert, wenn wir als Elternteil super organisiert und diszipliniert sind. Oder wenn wir das Glück haben, dass der Expartner sich auch nach der Trennung noch zuständig fühlt, aber die Statistik sagt, dass etwa jedes vierte Kind keinen Kontakt mehr zum anderen Elternteil hat (meist dem Vater), und bei einem Viertel derer, die Kontakt haben, die Qualität des Kontakts schlecht ist.
Und kommt mir jetzt nicht mit Maternal Gatekeeping, ich kenne nur Frauen, die es sehr schätzen würden, wenn der Vater des Kinds sich ebenfalls verantwortlich einbringt, falls nicht schwere Gewalt vorgefallen ist. Im Rahmen meiner Trennung gab es übrigens aktenkundige schwere Gewalt (der Klassiker, die Trennung ist der gefährlichste Moment im Leben einer Frau!), und trotzdem hätte ich es geschätzt, wenn mein Exmann sich zuverlässig um seine Kinder gekümmert hätte. Hätte, hätte Fahrradkette, er wollte halt nicht. Und so mache ich das eben. Aber wenn die Kinder alle 18 sind, mache ich drei Kreuze, und eine Flasche Champagner auf. Und nur noch Termine für mich.

Christine Finke ist Autorin, macht Kommunalpolitik und lebt in Konstanz am Bodensee. Unter „Mama arbeitet“ bloggt sie seit 2011 über ihr Leben als Alleinerziehende. Christine hat drei Kinder, von denen zwei noch Zuhause leben – und zwei Katzen, die bei Zoomkonferenzen für Erheiterung sorgen.

Von Christine Finke

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