Über Liebeskummer weiß man wissenschaftlich viel mehr, als die meisten denken. Und ja, es gibt Dinge die nachweislich helfen — andere dafür gar nicht.

Was die Münchner Autorin Michèle Loetzner in Studien und Umfragen für ihr Buch über Liebeskummer recherchiert hat, ob sie uns Tipps zur Überwindung von Trennungsschmerz ans Herz legen kann und welche besonderen Herausforderungen eine Trennung mit Kind(ern) mit sich bringt, darüber haben wir mit ihr gesprochen.

Michèle, bevor wir mit dem Kummer loslegen: Wer oder was prägt eigentlich unsere Beziehungswahl?

Klar, klassisch die Eltern. Aber immer mehr Menschen haben als Beziehungsvorbild gar nicht wirklich die eigenen leiblichen Eltern, sondern das gesamte Patchwork, das sie prägt. Wenn ich mich frage, wer mich und mein Beziehungsverhalten maßgeblich beeinflusst hat, muss ich mich vor allem fragen, wessen Beziehung in meinem Leben den meisten Einfluss auf mich hatte. Die Wissenschaft weiß, dass da viel in Kinderjahren mitgegeben wird, aber wir sind ja nicht mit 18 fertige Menschen, nur weil wir dann politisch volljährig sind. Viele werden zum Beispiel auch von der ersten eigenen gefühlsintensiven Beziehung geprägt. Die haben einige ja auch erst mit weit über 20.

Und was ist ‚Liebeskummer‘ genau, ein Gefühl oder eine Krankheit?

Weder noch — es ist ein biochemisches Chaos in unserem Körper. Das hat gar nichts mit Romantik und Seelenverwandtwandschaft zu tun, sondern mit einem Ungleichgewicht aus zum Beispiel Serotonin, Dopamin, Kortisol und Adrenalin. Liebeskummer ist ein Massencrash auf unserer Hormonautobahn.

Manche setzen Liebeskummer mit einem Drogenentzug gleich. Erklär doch mal!

Das können andere besser, zum Beispiel Guy Winch, ein US-amerikanischer Psychologe und Paartherapeut. Ich empfehle sehr seinen Ted Talk. Und ja, Liebeskummer ist biochemisch wie ein harter Drogenentzug. Auch deshalb darf er nicht als Lappalie behandelt werden.

Wen trifft Liebeskummer am heftigsten? Ist er nicht ein Teenagerproblem?

Es ist egal, ob du 18 oder 81 bist — gleiches Herz, gleicher Kummer. Wir lernen zwar im Alter, schneller Kompensationsstrategien zu entwickeln, aber das heißt nicht, dass es weniger weh tut. Menschen, die Liebeskummer als Teenagerproblem abtun, nunja … die haben vor allem selbst ein Problem.

Haben Männer und Frauen unterschiedlichen Kummer?

Wissenschaftlich betrachtet ja. Biochemisch passiert in ihren Körper zwar das Gleiche, aber die Gesellschaft hat ihnen einen unterschiedlichen Umgang gelehrt: Männer schieben viel weg und leiden deshalb länger. Immer noch existiert das Märchen vom harten Typ, der nicht heulen soll. Damit tun sich Männer keinen Gefallen, im Gegenteil. Es gibt deshalb auch wesentlich mehr Männer, die lange oder gar keine neue Beziehung mehr eingehen können oder wollen. Frauen leiden am Anfang intensiver, dafür aber auch kürzer. Sie setzen sich mehr mit ihren Emotionen auseinander und finden so schneller raus. Liebeskummer hat also vor allem eine große problematische soziologische Komponente. Beschwerdebriefe bitte hier an das Patriarchat schicken. Betreff: Danke für nichts.

Eine Folge von Liebeskummer sind oft Selbstzweifel. Gerade nach einer Trennung mit Kindern kommt die (Schuld-)Frage auf: Warum habe ich nicht geschafft, was so viele andere Paare hinbekommen. Was rätst Du den Verunsicherten?

Was heißt denn „geschafft“? Viele bleiben ja nur bei ihrem Partner (ich gendere hier absichtlich nicht), weil sie es sich schlichtweg finanziell nicht leisten können. Ich finde, es ist eine sehr erwachsene Entscheidung, zu sagen: Ich will nicht, dass meine Kinder aufwachsen in dem Glauben, so wie ihre Eltern miteinander umgehen, funktioniert eine gute partnerschaftliche Beziehung. Außerdem zeigt man den Kindern doch so, dass Trennung eine Option ist, dass man nicht bei jemandem bleiben muss, den man nicht (mehr) liebt und umgekehrt. Trennungskompetenz ist so wichtig, nicht nur auf partnerschaftlicher ebene, sondern natürlich auch auf beruflicher und freundschaftlicher. Wir gehören alle nicht mehr zu einer Generation, die in ihrem Leben genau einen Arbeitgeber hat, in nur einer Wohnung oder Stadt lebt und sich schon mit 25 auf die Rente hinarbeitet. Zu lernen, wie man sich von Dingen löst, die einem nicht mehr gut tun, ist essentiell.

Wie verabschiede ich mich vom ‚Traum der Familie‘?

Eine Familie besteht nicht nur aus Vater-Mutter-Kind. Auch ein Single-Elternteil ist mit Kind eine Familie. Dieses Quatschbild der heteronormativen Mamapapazweikinderhaushund-Nummer haben Parteien wie die CDU geprägt, diverse Religionen und ein limitierter Staatsapparat. Ich verstehe, dass es schwer ist, sich von bestimmten Vorstellungen, wie das eigene Leben verlaufen sollte, zu verabschieden. Aber man muss sich schon fragen, wer einem diese Vorstellungen ins Hirn gepflanzt hat. Du bist mit deinem Kind oder deinen Kindern genug Familie.

Bei Liebeskummer fällt an manchen Tagen das Aufstehen und Anziehen schon schwer. Was ist die besondere Herausforderung für Menschen mit Kindern in dieser Phase?

Alles, vor allem von anderen Hilfe anzunehmen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um mit Kindern über eine Trennung zu sprechen?

Das kann ich nicht sagen, das ist individuell. Aber ich bin sehr dafür, Kindern nichts vorzumachen. Die durchschauen das doch eh.

Was hilft gegen Einsamkeit? Gerade an den Wochenenden ist es ja oft schwer. Das wissen viele Alleinerziehende auch aus Zeiten ohne Liebeskummer.

Puh, ja. Vor allem Sonntage, an denen man nicht viel machen kann. Ich kann da nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen: Freund*innen mit vielen Familienmitgliedern haben diese Art Einsamkeit oft nicht auf dem Schirm. Neben meinem Schreibtisch hängt tatsächlich eine Liste mit Namen von Menschen, die ich gerne mag. Wenn das Alleinsein zu alleinig wird, rufe ich die nacheinander an und mache etwas aus. Diese Einsamkeit gibt es übrigens auch, wenn das Kind da ist — auch da hilft die Telefonliste. Aber das ist eine persönliche Strategie, andere machen das vielleicht anders und das ist auch okay.

Was sind Deine drei (fünf) Erste-Hilfe-Tipps gegen Liebeskummer?

Alles wegräumen, was an den*die andere*n erinnert, Social Media und Telefonnummern einschränken oder blockieren, maximale Distanz schaffen zum Nachdenken.

Hast Du schon einen Neuen? Die richtige Antwort auf Frage scheint für die meisten ein Allheilmittel zu sein so nach dem Motto: Wenn die erstmal wieder unter der Haube ist, dann ist doch alles gut! Woher kommt diese Haltung? Und was kann man ihr entgegensetzen?

Auch das liegt an unserem oft konservativ geprägten Umfeld. Das ist eine unverschämte Frage und man muss nicht allem Unsinn immer mit Höflichkeit entgegnen. Am Besten sagt man dazu gar nichts und geht einfach aus dem Gespräch raus, dann kann das Gegenüber nachdenken, was es falsch gemacht hat.

Warum ist es so schwer nach einer gescheiterten Beziehung auf ‚Freundschaft‘ umzuschalten? Gerade für Eltern gemeinsamer Kinder wäre dies ja wünschenswert.

Weil Menschen eben Menschen sind. Manchmal hilft eine Mediation im Anschluss, aber da laufen leider sehr viele Scharlatane rum. Nicht jeder, der eine Art Coach- Ausbildung hat, ist dafür gemacht, trennende Paare zu begleiten, leider. Ich rate, hier aufs Bauchgefühl zu hören. Wenn ich schon in der Kennenlernsitzung das Gefühl habe, hier ist etwas ungut, dann bitte sofort lassen und jemand Neues suchen. Klar, wäre es wünschenswert, man hätte ein freundschaftliches Verhältnis. Aber es reicht auch, wenn man höflich und informativ mit dem oder der anderen umgeht. Man muss nicht auf Teufel komm raus befreundet sein.

In Deinem Buch ‚Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen’ schreibst Du: Die Zeit und das Alter seien unsere Freunde. Was meinst Du damit?

Liebeskummer ist so ein intensives allumfassendes Gefühl — im Moment denken wir, das wird nie wieder besser. Doch das wird es. Ganz sicher. Diese Erkenntnis hilft uns aber mittendrin nicht, deshalb habe ich dieses Buch geschrieben. Es listet Schritt für Schritt wissenschaftliche Erkenntnisse auf. Jede*r kann dort für sich rausziehen, was zu ihr oder ihm passt. Es nimmt die Lesenden Ernst, denn Liebeskummer ist eine ernste Angelegenheit.

Schließen würde ich gerne unser Gespräch mit einem Zitat von Michèle Binswanger aus Deinem Buch ‚Beziehungen fangen irgendwann an zu bröckeln, aber eine Trennung wird immer besser, von Jahr zu Jahr‘. Ich finde, dem ist nichts hinzuzufügen. Lieben Dank, Michèle!

Über die Autorin

Michèle Loetzner ist 1982 in Heidelberg geboren und hat an der LMU München und der Universität Helsinki Literaturwissenschaft, Anglistik und Linguistik studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Textchefin und Konzeptionerin u. a. für die Süddeutsche Zeitung, Plan W, Die Welt, Die Zeit und Frauenmagazine wie Cosmopolitan, Freundin oder Glamour. Michèle Loetzner lebt in München. Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen ist ihr erstes Buch.

Autorinnenporträts: Chistian Brecheis

Von Sara Buschmann