Unsere Ferien auf Balkonien

Es ging schon Ende Juni los: Die Familien aus meinem Instagram-Feed starteten in den Urlaub und zeigten ihre Schnappschüsse her – meist aus Frankreich, Spanien, Portugal oder Italien. Sie und ihre Kinder lächelten mir von Stränden und Café-Tischchen entgegen, ich fühlte die Stimmung schon vom Zusehen: Endlich Urlaub, endlich ausbrechen aus dem Homeoffice-Käfig und das Stückchen Freiheit genießen bevor es wieder weg ist! Aber für jede dritte Ein-Eltern-Familie gibt das Portemonnaie nur Ferien auf Balkonien her – ich bin eine davon. Und darüber wollte ich nicht auch noch miesepetrig werden. Also entschied ich mich für einen guten Sommer von zuhause aus.

Es gab zuletzt genügend Stoff zum Verzweifeln: Die vergangenen 18 Monate haben mich dermaßen ausgesaugt und unter Druck gesetzt, dass ich vor den Sommerferien nur noch aus Gewohnheit funktionierte – und nicht, weil sich in mir noch irgendetwas lebendig anfühlte. Hätte mich zuletzt mal jemand fest in den Arm genommen, um all meine Sorgen einen Moment für mich zu halten, wäre ich wohl weinend zusammengesackt. Mein Körper übersetzt die Auswirkungen der Pandemie in Unfruchtbarkeit: Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal meine Menstruation hatte, es ist Monate her. Das ist bei vielen Menstruierenden so, wenn sie lange zu starkem Stress ausgesetzt sind.

Ich entspannte mich das erste Mal mit Beginn der Sommerferien als ich mich gegen eine Reise entschied. Ich hatte zwar ein winzig kleines Budget, sodass ich auf irgendeiner Urlaubsschnäppchen-App nach stunden- oder tagelangem Suchen einen Kurztrip in eine europäische Großstadt hätte buchen können – aber zu welchem Preis? Es wäre den Stress nicht wert gewesen, also legte ich nach der ersten kurzen Recherche das Handy beiseite und fragte mich, was genau ich eigentlich am dringendsten brauchte. Die Sache war schnell klar: Erholung, gute Gesellschaft, Inspiration. Das wird ja wohl auch von zuhause aus möglich sein, dachte ich, und informierte mich über das Freizeitangebot in meiner Stadt. Am meisten überraschte mich, dass all die kleinen und großen Möglichkeiten, die für mich jahrelang selbstverständlich oder wenig interessant schienen, plötzlich mein Herz höher schlagen ließen.

Irgendwo zwischen meiner Kindheit und heute muss ich verlernt haben, was Urlaub bedeutet. Meine Sommerferien habe ich früher bei meinen Großeltern verbracht. Meine Mutter war ebenfalls alleinerziehend und musste immer arbeiten – damals wie heute reichen die Urlaubstage der Eltern nicht aus, um die Ferien der Kinder abzudecken. Trotzdem habe ich schöne Erinnerungen – zum Beispiel an das viele Grillen im Garten, an den Geruch, wenn mein Opa das Grillfleisch mit etwas Bier ablöschte, an das Tanzen auf der Dorfstraße im Sommerregen, an Schwimmen im See, Weinbergschnecken und Skateboard fahren. Nein, wer Urlaub macht, muss dafür nicht reisen. Urlaub bedeutete für mich mit Freund*innen auf Entdeckungstour durch den Garten zu stromerten, auf Bäume zu kletterten, uns Geschichten und Geheimnisse zu erzählen und herumalberten. All das brachte Erholung, gute Gesellschaft und Inspiration.

Ich erinnere mich außerdem an die schönsten Filme, die ich in meiner Teenagerzeit gesehen habe und noch heute gerne schaue: Sie alle spielen in den Sommerferien und zeigen keine Familien auf Weltreise sondern Freund*innen auf dem Rad zum nahegelegenen See oder die erste große Liebe im Feriencamp. Filme wie Dirty Dancing, Now and Then und My Girl zeigen, dass Sommerferien zuhause oder auf dem zwei Autostunden entfernten Campingplatz mindestens genauso abenteuerlich sein können wie die große Reise in ein anderes Land.

Diesen Sommer ließ ich mich voll und ganz auf unsere Stadt ein, die sich endlich auch wieder für uns öffnete: Ich ging mit meinem Sohn mit Begeisterung zum Minigolf und gleich zwei Mal in einen Hochseilgarten – letzteres bringt ihm offenbar nicht nur Nervenkitzel sondern stärkt auch sein Selbstvertrauen. Wir machten Fahrradtouren, fuhren mit einer Fähre, aßen Pizza auf dem Spielplatz, sahen uns spontan einen Sonnenaufgang auf unserem Dach über Berlin an. Wir trafen Freund*innen im Biergarten, bestellten viel Eis, gönnten uns neue Schuhe und neue Bücher, sahen uns einen Film im Freiluftkino an. Ich strich unsere Küchenwand gelb, damit der Sommer dauerhaft bei uns einzieht und hängte ein Bild auf, das mich an Urlaub erinnern sollte: Eine Frau, die durch ein Schwimmbecken taucht. Wenn ich morgens in die Küche komme, dann fühle ich mich direkt umarmt.

Die letzte Woche werden wir nutzen, um meine Großeltern zu besuchen. Meine Wetter-App sagt, dass es regnen soll. Ich stelle mir vor, wie ich mit meinem Sohn genau dort das Schwimmen üben werde, wo ich es damals geübt hatte und wie die Regentropfen uns kein Stück nasser werden lassen als wir es sowieso schon sind. Und wie wir mit nackten Füßen und in Handtücher gewickelt über die Dorfstraße zum Haus meiner Großeltern laufen werden. Und dass sich mein Kind später an genau diese Momente zurückerinnern wird, wenn ihn jemand nach den Sommerferien in seiner Kindheit fragt.

Von Anne Dittmann

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