„Du hast ein Kind?“, ist das erste, was er schreibt. Ich hatte die Frage schon auf meinem Dating-Profil beantwortet: „Die Hälfte der Woche mit total coolem 5-Jährigen an der Seite“, steht dort. Ich schreibe ihm locker ein „Japp“ zurück und lese auf seinem Profil, dass er irgendwann gerne Kinder hätte – ob es seine „eigenen“ sein müssen? Sein Profilfoto zeigt ihn an einer Kletterwand. „Ich gehe auch gerne bouldern, in welche Halle gehst du?“, schreibe ich. Er: „Suchst du einen Vater für Dein Kind? Klingt leicht ‚werblich’, wie du es auf deinem Profil beschreibst.“ Ich löse das Match auf. Warum zur Hölle ist Online-Dating als Mutter so kompliziert?

Es ist eine merkwürdige Zeit: Guten Sex zu kriegen ist ganz leicht, eine*n gute*n Partner*in zu kriegen fühlt sich an wie ein Ding der Unmöglichkeit. Im Alltag treffe ich kaum auf potenziellen Partner*innen. Nicht im Homeoffice. Nicht auf dem Spielplatz. Nicht mit meinem Kind beim Einkaufen. Und auch nicht beim Frauen-Fitness. Seit der Trennung vom Vater meines Kindes vor fünf Jahren hatte ich eine Beziehung. Wir kamen im Hausflur ins Gespräch und blieben fast zwei Jahre zusammen – Nachbar*innen genauer unter die Lupe zu nehmen ist eine eher begrenzte, aber durchaus praktische Dating-Strategie.

Alleinerziehende haben wenig Freizeit und müssen in Sachen Dating effizient denken. Es mangelt mir nicht an Matches, aber an meiner Bereitschaft, mir ständig Zeit fürs Dating freizuschaufeln. Die Journalistin Michèle Loetzner hat es in einem Interview so formuliert: Ich habe einfach keine Lust, mich an einem meiner wenigen freien Abende mit einem Durchschnittstrottel zu treffen, wenn ich stattdessen mit meinen Freunden lachen und eine großartige Zeit haben kann!”. Genau das.

So geht es vielen Alleinerziehenden. Zeitmangel ist ein Grund dafür, dass 25 Prozent der Alleinerziehenden drei Jahre Single bleiben, 50 Prozent acht Jahre und weitere 25 Prozent 13 Jahre lang. Die Zahlen vom Familienministerium sind fast zehn Jahre alt, neue sind nicht zu finden. Die gute Nachricht: Seitdem sind einige Dating-Apps aus dem Boden geschossen. Die Chancen stehen also nicht schlecht, heutzutage schneller in eine Partner*innenschaft zu kommen, wenn man sich das überhaupt wünscht.

Meine Dating-App und ich, wir leben in einer On-Off-Beziehung. Ich installiere sie, wenn ich mich nach Leichtigkeit, Unterstützung, Geborgenheit sehne – meistens habe ich davor zu viele romantische Komödien geguckt. Und ich lösche sie, wenn ich merke, dass sie unterm Strich nur meine wertvolle Zeit frisst. Die meiste Zeit bin ich ohne Partner*in ziemlich zufrieden. Ich bin weder besonders aktiv auf der Suche, noch lehne ich es ab mich zu verlieben. Trotzdem locken Dating-Apps mich in sensiblen Momenten immer wieder mit einem Versprechen und, zugegeben, mit handfesten Referenzen: Einige Langzeitpaare in meinem Umfeld haben sich auf Dating-Apps kennengelernt. Vielleicht habe ich die App nicht klug genutzt?

Ich dachte lange, dass ich auf jeden Fall meine Mutterschaft in meinem Dating-Profil angeben sollte – denn mein Kind ist ein großer Teil meines Lebens und diese Karte sollte von vornherein klar auf dem Tisch liegen. Anfangs hatte ich in die Profilbeschreibung „mit Kind“ eingetippt, dann „getrennterziehend“ – diese Begriffe nutze ich schließlich auch beruflich in sozialen Netzwerken. Aber: Während sie im beruflichen Kontext meinem Branding als Autorin helfen, wirken sie in der Dating-App anders. Abschreckend. Und das ist der Punkt: Im Kontext von Online-Dating sind Kinder und dazugehörige Ex-Partner*innen ein Minuspunkt, Michèle Loetzner nennt es „Dealbreaker“. Beim Online-Dating geht es nicht um Menschen, sondern um Wertenormen. Der Algorithmus merkt sich, bei wem Nutzer*innen nach rechts swipen und schlägt mehr Menschen mit den gleichen Eckpunkten vor. In meinem Fall: Frau, weiß, normschön, gebildet, selbständig, mit Kind = Anzahl der Matches.

Gängige Dating-Apps scheinen eine längst vergangene Zeit wieder zu beleben. Nämlich eine Zeit, in der man sich nicht zufällig auf der Straße oder im Café trifft und sympathisch ist. Sondern in der ökonomische Abwägungen vorgenommen werden. Sie schicken uns in die Geschichte des Patriarchats zurück: Als Menschen sich vor über 10.000 Jahren mit Ackerbau und Viehzucht niederließen, konnten sie erstmalig Kapital anhäufen – in Form von Status, Verbindungen, Materiellem. Damals gilt die Patrilinearität: Nur der Mann besitzt und vererbt, nur Söhne erben. Töchter werden in die Familien fremder Männer verkauft, wo ihre reproduktionsfähigen Körper gebraucht werden. Beim Kinderzeugen geht es nicht um Liebe sondern Besitztum. Die Menschen glauben, dass im sogenannten „Samen“ nur männliches Erbgut stecke, das in der Gebärmutter keimen würde. Ein Stück des Mannes kann also in seinen Nachfahren weiterleben, sein Besitz über den eigenen Tod hinaus erhalten bleiben. Das Kind eines fremden Mannes als eigenes anzuerkennen, bedeutete in logischer Konsequenz seinen Besitz in eine fremde Stammeslinie zu übertragen und damit auch seine Vorfahren zu hintergehen. Wer das trotzdem tat, war ein Narr, eine Schande für die Familie oder ein selbstloser Held – je nach Sichtweise.

Über die letzten Jahrtausende hat sich einiges getan für Frauen- und Kinderrechte. Um mein Kind mit dem Allernötigsten zu versorgen, bin ich nicht auf den Besitz eines Mannes angewiesen. Darüber hinaus wird die Luft aber wieder dünn: Einige Mütter trauen sich beispielsweise nicht, sich von ihrem Partner zu trennen, weil sie finanzielle Probleme fürchten. Getrennte Mütter sind häufig von Armut bedroht. Sie haben keine gut bezahlten Jobs, sie leisten Care-Arbeit. Das patriarchale Narrativ wird also strukturell aufrecherhalten. Und es zeigt sich in weiteren Aspekten: In der Bevorzugung von Jungen. Im Abtreibungsrecht. Im steuerlichen und rechtlichen Umgang mit Alleinerziehenden. In meinem gefühlten sozialen Status, meinem Konto. In meinem Dating-Verhalten. Wie kann ich mit diesem Narrativ beim Dating umgehen? Wie kann ich mich vor Stigmatisierung schützen? Soll ich mein Kind verheimlichen? Allein der Gedanke daran macht mir Wut im Bauch.

Ich glaube, dass wir pragmatischer denken müssen – es geht ja nicht um Liebe, sondern erstmal ums Dating. Ich kenne die Mechanismen der Dating-Apps, meine soziale Position und meine eigenen Ziele. Mein Kind nicht selbst-, sondern pflichtbewusst auf meinem Dating-Profil erwähnen, um „korrekt“ zu sein? Wozu? Ich schulde niemandem etwas. Beim Dating geht es um mich. Und seit ich das erkannt habe, verbringe ich witzigerweise kaum noch Zeit auf diesen Apps.

Ich kenne keine Patchworkfamilie, die aus einer Dating-App hervorgegangen ist. Aber eine Freundin hat ihren Partner durch eine Sport-App kennengelernt, auf der man auch netzwerken kann – die beiden absolvieren ihre Trainingseinheiten nun in einer gemeinsamen Wohnung. Und eine weitere befreundete Mutter wurde von ihrem aktuellen Partner auf Instagram angeschrieben. Die beiden filmen sich heute zusammen durch ihren Alltag. In beiden Fällen hat es digital gefunkt, aber nicht über Eckdaten. Sondern durch ein gemeinsames Hobby. Meine alleinerziehenden Freundinnen haben nicht gesucht, sich nicht verbogen, nicht gekämpft. Sie haben einfach nur etwas für sich getan – die Liebe kam dann von ganz allein.

Von Anne Dittmann