In Märchen und Erzählungen kommen Stiefmütter selten gut weg. Sie haben stets nur ihr eigenes Wohl oder das ihrer leiblichen Kinder im Auge. Doch wie ist es im wahren Leben?

Wir haben mit Autorin Marita Strubelt über Stief- und Bonusmütter sowie über das Leben in Patchwork-Konstellationen gesprochen.

Marita, was sagst Du zu dem „Böse Stiefmutter“-Image?

Wenn man erstmal in eine Schublade gesteckt wurde, ist es schwierig, da wieder herauszukommen. Unser Gehirn schickt uns immer wieder Bestätigungen für die vorgefasste Meinung und bewertet Verhalten oder Ereignisse durch diesen Filter. Das gilt für die „böse Stiefmutter“ genauso wie für den „kleinen Satansbraten“ oder die „Else“ (eine häufige Beschreibung für leibliche Mütter). Deshalb setze ich mich für neutrale Bezeichnungen ein: Kindsmutter und Stiefkind/Bonuskind. Da das Wort Stiefmutter an sich eine negative Konnotation hat, kann Bonusmutter helfen oder – wenn das „zu positiv“ klingt – auch schlicht „die neue Partnerin von Papa“.

Wie bist Du dazu gekommen, Dich mit dieser Thematik überhaupt näher auseinanderzusetzen?

Meine Patchworkgeschichte geht nun schon über 10 Jahre. Als ich meinen Partner kennengelernt habe, war sein Sohn 1,5 Jahre alt und jedes zweite Wochenende bei ihm bzw. dann bei uns. Die Frage, ob ich so leben kann und möchte, hat mich von Anfang an beschäftigt.

Später haben wir geheiratet und zwei Töchter bekommen. Damit kamen weitere Themen dazu: ob meine eigene Schwangerschaft für ihn überhaupt etwas Besonderes ist, die unterschiedlichen Gefühle als Mutter und Bonusmutter und die Beziehung der (Halb)Geschwister untereinander. Als mein Bonussohn vor 3 Jahren zu uns gezogen ist, habe ich mich nach Beratungsangeboten umgeschaut und bemerkt, dass es hier kaum Unterstützung, aber einen riesigen Bedarf gibt. Das war der Startpunkt für meine Entscheidung, mich als Patchwork-Coach selbständig zu machen.

Wie hast Du letztlich in Deine Rolle als Bonusmutter gefunden? Was waren die größten Herausforderungen?

Ich habe nie versucht, seine Mutter zu ersetzen. Ich finde es wichtig, dass er eine Mama hat, die auch immer seine Mama bleiben wird. Ich komme als „Bonus“ dazu. Wie viele Trennungskinder hat er hat die typischen Probleme, wie Loyalitätskonflikte und Verlustängste, die sich in manchen Verhaltensweisen zeigen. Da heißt es dann tief durchatmen, um sein Verhalten nicht persönlich zu nehmen und als Ablehnung zu interpretieren, sondern den „kleinen, unsicheren Jungen“ dahinter zu sehen.

Und wie lebst Du heute in der Patchwork-Situation?

Nach einem guten halben Jahr im Wechselmodell wohnt mein Bonussohn jetzt wieder bei seiner Mutter. Für uns ist es das Richtige, von Zeit zu Zeit zu überprüfen, ob die bestehende Regelung für alle noch die beste Lösung ist. Corona hat einiges verändert und für uns auch neue Chancen eröffnet. Das Wechselmodell wäre aufgrund der räumlichen Entfernung unserer Wohnorte mit der Schulanwesenheitspflicht nicht vereinbar gewesen. So war es eine wertvolle Erfahrung.

Du hast Deine Erfahrung zur Profession gemacht. Wie kam es dazu?

Ich habe mich schon immer dafür interessiert, wie Menschen miteinander in Verbindung treten und wie Kommunikation „funktioniert“. Daher habe ich Sprachwissenschaften, Chinesisch und Internationale Personalführung studiert und war 10 Jahre lang als Projektleiterin für die Zusammenarbeit mit Firmen aus China und Indien zuständig. Während meiner Elternzeit habe ich mich dann verstärkt damit beschäftigt, wie ein guter Umgang mit Kindern gestaltet werden kann. Am meisten berührt hat mich wiederum eine Sprache, nämlich die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Ob man zwischen den Kulturen verschiedener Länder oder unterschiedlichen Familienkulturen vermittelt, ist gar nicht so ein großer Unterschied. Mein Herz schlägt für Kinder in Patchworkfamilien, die am meisten davon profitieren, wenn die Erwachsenen gut miteinander sprechen und ihre eigenen Bedürfnisse ausdrücken können.

Und welchen Weg bist Du gegangen, um heute als Patchwork-Coachin erfolgreich zu sein?

Einen großen Teil macht meine persönliche Erfahrung aus. In den letzten 10 Jahren bin ich durch viele Höhen und Tiefen gelaufen, die das Patchworkleben so bereithält: Gerichtsverhandlungen, Sorgerechtsstreit, Diskussionen über den Umgang, dann auch eigene Schwangerschaft und Geburten, das Verhältnis der Geschwister zueinander, Schulstress und Hausaufgaben – und der ganz normale Familienalltag mit 3 Kindern, mit und ohne Corona. Ich habe selbst einige Runden im Stiefmutter-Hamsterrad gedreht, bevor ich den Weg da raus entwickeln konnte. Darum geht es übrigens in meinem Buch „Patchwork Power! So wird die Sache mit der Bonusfamilie zum echten Bonus“, das im Juli 2021 erscheint.

Beruflich gesehen bin ich Elternkursleiterin beim Deutschen Kinderschutzbund, Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation und Empathische Mediatorin. Zusätzlich habe ich eine Coachingausbildung für das Lösen emotionaler Blockaden gemacht. Zu Beginn habe ich hauptsächlich mit Stiefmüttern gearbeitet, mittlerweile erreichen mich auch Anfragen von Müttern: „Mein neuer Partner kommt mit meinem Kind nicht klar, kannst Du ihm helfen?“ Und Frauen haben oft auch eine Doppelrolle inne. Wenn sie als alleinerziehende Mutter einen neuen Partner kennenlernen, der selbst auch schon ein Kind hat, sind sie plötzlich beides, Mutter und Stiefmutter.

Verrätst Du uns Deine fünf essenziellsten Tipps für Bonuseltern?

Die Tipps gelten für Eltern wie Bonuseltern gleichermaßen:

  1. Nimm Dinge nicht persönlich. Wie andere sich verhalten, sagt etwas über sie und ihre eigenen (unerfüllten) Bedürfnisse aus und hat nichts mit Dir zu tun. Versuche immer, einen guten Grund hinter dem Verhalten zu finden.
  2. Übernimm die Verantwortung für Deine eigenen Gefühle. Es ist nicht die Aufgabe der anderen, Dich glücklich zu machen. Im Gegenzug bist Du auch nicht dafür zuständig, ständig deren Bedürfnisse zu erfüllen.
  3. Streich die Fragen „Wer hat Recht?“ und „Wer hat Schuld?“ aus Deinem Denken. Such vielmehr gemeinsame Lösungen, die die Anliegen aller mit einbeziehen. Nicht im Sinne von Entweder-Oder, sondern im Bereich Sowohl-Als auch.
  4. Das Leben verändert sich, Kinder werden größer, bestimmte Dinge gewinnen oder verlieren an Bedeutung. Es lohnt sich, für neue Entwicklungen offen zu bleiben und immer mal wieder zu schauen, ob die gefundenen Lösungen noch zur aktuellen (Interessens)Lage passen.
  5. Kommunikation ist der Schlüssel zu gegenseitigem Verständnis, wenn sie wertschätzend und verbindend ist. Auf die Haltung kommt es an: Der/die andere ist nicht „der Feind“ und nicht mutwillig böse. Jeder kann beginnen, es anders zu machen und wertschätzende Kommunikation ist erlernbar.

Welche Schwierigkeiten kommen hinzu, wenn neue Geschwister geboren werden?

Eine Veränderung kann das Patchworkgefüge ordentlich durcheinander rütteln. Das gilt für neue Partner ebenso wie ein Umzug oder ein kleines (Halb)Geschwisterchen. So etwas löst ein Gedankenkarussell und damit Gefühle aus, die jeder für sich verarbeiten muss.

Ältere Geschwister werden „entthront“ und müssen die Aufmerksamkeit zumindest eines Elternteils zukünftig teilen. Das ist schon für Kinder aus traditionellen Kernfamilien eine Herausforderung, umso mehr für Patchworkkinder, die nicht permanent im Haushalt des Geschwisterkindes leben.
Stiefmütter und (werdende) Mütter müssen einen Umgang mit den (meistens) unterschiedlichen Gefühlen dem Bonuskind und dem „Bauchkind“ gegenüber finden. Es ist okay, jedes Kind auf seine eigene Weise lieb zu haben. Das sollte nicht zu einem schlechten Gewissen führen. Ein Vergleich unter den Geschwistern macht niemanden glücklich.

Auch die leibliche Mutter des älteren Kindes hat nach so einer Nachricht unter Umständen Gefühle wie Wut, Trauer oder Hilflosigkeit zu verarbeiten. Wichtig finde ich, die eigenen Gefühle nicht auf das Kind zu übertragen, sondern ihm den Zugang zu seinem Geschwisterchen so einfach wie möglich zu machen, indem man selbst positiv oder zumindest neutral gestimmt bleibt.

Bonusmütter stellen für die getrennt lebenden Bauchmütter oft erst einmal eine gefühlte Bedrohung dar. Sicher im Besonderen, wenn diese auch schon ein Auslöser für die Trennung war. Kannst Du dieses Gefühl nachvollziehen und was würdest Du der Mama dazu aus Deiner Sicht und Erfahrung sagen?

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Patchwork ist für alle Beteiligten herausfordernd, egal in welcher Rolle man steckt.

Um selbst gut mit der Situation umgehen zu können, ist es wichtig, raus aus der Wut und empfundenen Ohnmacht zu kommen. Immer wieder den Gedanken im Kopf herum zu wälzen, wie ungerecht und respektlos ein Verhalten war, führt nur bei mir selbst zu Magenschmerzen und hilft weder mir noch den Menschen um mich herum, wie z.B. meinem Kind. Was geschehen ist, lässt sich nicht mehr ändern. Wenn ich den gleichen wutauslösenden Gedanken immer wieder denke, mache ich mich selbst dadurch über Jahre hinweg immer wieder unglücklich. Wie ich oben schon gesagt habe, die Frage nach einem Schuldigen und das Pochen auf sein eigenes Recht hilft nicht weiter.

Wenn ich stattdessen Verantwortung für meine Gefühle übernehme, komme ich in die Position, für mich und meine Bedürfnisse zu sorgen. Das Verhalten anderer zu akzeptieren, bedeutet nicht, dass ich es gut heiße. Es ist vielmehr der erste Schritt rein in die Handlungsfähigkeit. Und den gehe ich in erster Linie für mich selbst.

Was würdest Du Dir als Patchwork-Mama von der Bauchmutter Deines Bonuskindes wünschen und warum?

Ich finde einen direkten Kontakt hilfreich, weil damit Missverständnisse vermieden werden können. Wenn Kommunikation immer über Bande (schlimmstenfalls über das Kind) läuft, erschwert das die Möglichkeit, in den Aussagen Gefühle zu erkennen und auf die dahinterliegenden Bedürfnisse zu schließen. Wenn ich weiß, warum bestimmte Entscheidungen für mein Gegenüber wichtig sind, habe ich die Freiheit zu entscheiden, wie ich darauf reagieren möchte.

Außerdem ist mir wichtig, die Werte des anderen zu akzeptieren. Der eine Elternteil geht sonntags zum Gottesdienst, der andere nicht. Beim einen gibt es mehr Medien als beim anderen. Dort wird vegetarisch und bio gegessen, hier geht es eher um Leichtigkeit beim Kochen. Kinder können gut damit umgehen, dass es in verschiedenen Haushalten unterschiedliche Regelungen gibt – wenn die Eltern ihnen diese Toleranz vorleben.

Langfristig geht es nur gemeinsam – Patchwork auf Augenhöhe eben!

Danke, Marita, für diesen interessanten Einblick in das „Leben auf der anderen Seite“.

Über die Autorin

Marita Strubelt, geboren am 11. November 1981 in Hamburg, studierte Chinesisch und BWL, bevor sie sich ganz dem Thema Kommunikation widmete und als Familiencoach selbständig machte. Sie ist Mutter und Stiefmutter von „zwei Bauchkindern und einem Bonuskind“. Mit ihrem Blog „Patchwork auf Augenhöhe“ leistet sie einen wertvollen Beitrag für eine wertschätzende Kommunikation in Patchwork-Familien. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern in Frankfurt am Main.

  • Verlag: migo
  • Erscheinungstermin: 10. Juli 2021
  • ISBN: 978-3-96846-045-1

    Von Sara Buschmann