Ob ich das jemals verzeihen kann? Diese Frage stellen sich viele von uns – nicht zuletzt nach schmerzhaften Trennungen. Etwa, wenn wir uns von einem geliebten Menschen hintergangen oder im Stich gelassen fühlen. Oft rät uns das Umfeld zu verzeihen, die Sache abzuschließen und Ruhe einkehren zu lassen. Doch ist das immer richtig?

Wir haben uns im Gespräch mit Susanne Boshammer, Autorin und Professorin für Philosophie an der Universität Osnabrück, zu diesem Thema ausgetauscht. In ihrem Buch „Die zweite Chance. Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten“ nennt sie verschiedene Gründe, weshalb wir dem Impuls zu verzeihen nicht in jedem Fall nachgeben müssen.

Frau Boshammer, was ist aus Ihrer Sicht der Unterschied zwischen Verzeihen und Versöhnen?

Wichtig ist zunächst, sich klarzumachen, dass es zwischen Verzeihen und Versöhnen tatsächlich einen Unterschied gibt. Wenn ich einer Freundin verzeihe, dass sie mich hintergangen hat, muss das nicht schon heißen, dass ich bereit bin, mich mit ihr zu versöhnen und unsere Freundschaft weiterzuführen.

Beim Verzeihen geht erst einmal nur darum, die Vergangenheit zu bereinigen. Obwohl die Person, der ich verzeihe, mir Unrecht getan hat, entscheide ich mich, meinen berechtigten Groll nach und nach zu überwinden und ihr nicht länger vorzuwerfen, was sie mir angetan hat. Und mehr noch: Wenn ich verzeihe, erlaube ich dem anderen, sein Gewissen zu entlasten. Ich gebe ihm oder ihr zu verstehen: „Du musst Dir um meinetwillen keine Vorwürfe mehr für das machen, was Du getan hast.“ Das hat etwas Entlastendes.

Die Bereitschaft, sich mit jemandem zu versöhnen, geht darüber hinaus. Versöhnung richtet sich vor allem auf die Zukunft und beinhaltet den Willen, diese Zukunft gemeinsam zu gestalten und die bestehende Beziehung in einer Haltung des Wohlwollens fortzusetzen – trotz allem, was geschehen ist. Das ist meist nur möglich, wenn wir dem anderen zuvor verziehen haben. Aber dass wir ihm verziehen haben, ist noch kein Versprechen, sich zu versöhnen und die Beziehung fortzusetzen. Man kann jemandem also verzeihen und sich trotzdem von ihm oder ihr trennen. Tatsächlich zeigt die Erfahrung, dass Trennungen oft dadurch erleichtert werden, dass Menschen bereit sind, einander zu verzeihen. Die Bitte um Verzeihung kann diesen Prozess einleiten. 

Wie merke ich, ob eine Bitte um Verzeihung ernstgemeint ist?

Das ist eine gute Frage, die sich uns im Umgang miteinander ja auch sonst oft stellt: Ist mein Gegenüber aufrichtig? Kann ich ihm oder ihr vertrauen? Wenn es um die Bitte um Verzeihung geht, ist das mitunter besonders schwer zu sagen, weil etwas vorgefallen ist, das unser Vertrauen in den anderen irritiert oder vielleicht sogar zerstört hat.

Dennoch gibt es einige Hinweise darauf, dass eine Bitte um Verzeihung ernstgemeint ist. Dazu gehört, dass der andere zu erkennen gibt, dass es ihm aufrichtig leidtut, mich so verletzt zu haben. Wer um Verzeihung bittet, zeigt, dass er sein Verhalten bereut – und bedauert nicht nur, dass es aufgeflogen ist. Reue ist etwas ganz anderes als Selbstmitleid. Es ist darum wichtig, dass die Person deutlich macht, wofür genau sie um Verzeihung bittet, und dass sie klarstellt, dass sie mir mit ihrem Verhalten Unrecht getan hat. Das Bekenntnis dazu, dass das, was jemand getan hat, falsch war, dass ihm oder ihr das klar ist und dass sie sich in Zukunft ‚bessern‘ wird, ist absolut zentral für eine echte Bitte um Verzeihung.

Wichtig ist dabei, dass ich meinem Gegenüber anmerken kann, dass er oder sie die Bitte um Verzeihung nicht auf die leichte Schulter nimmt. Wer sagt „Ja, ’tschuldigung, das war nicht okay, aber ehrlich gesagt, jeder baut mal Mist und Du hast ja auch nicht unbedingt ’ne weiße Weste“, bittet nicht um Verzeihung. Er rechtfertigt sich. Statt sich zu seiner Schuld zu bekennen, will er sein Gegenüber eigentlich davon überzeugen, dass er ent-schuldigt ist.

Diese Neigung haben wir übrigens alle. Um Verzeihung zu bitten bedeutet, dass wir Fehler eingestehen und dafür die Verantwortung übernehmen. Das fällt den meisten Menschen nicht leicht. Daher tendieren wir dazu, uns im selben Atemzug zu erklären. Da sagt jemand, wie leid ihm sein Verhalten tut und dass er das wirklich nicht hätten machen dürfen, und nennt dann sofort die ‚mildernden Umstände‘: „Du musst verstehen, ich war damals in einer wirklich schwierigen Situation…“, „Ich war völlig betrunken…“, „Ich hab‘ einfach total vergessen…“ Das ist keine gute Idee, denn damit entkräften wir die Bitte um Verzeihung. Von Benjamin Franklin, dem amerikanischen Staatsmann, stammt der Satz „Never ruin an apology with an excuse.“ (Entwerte deine Entschuldigung niemals durch eine Ausrede.) Das ist ein kluger Rat, denn sobald wir das tun, verliert unsere Bitte an Glaubwürdigkeit.

Was bedeutet das Bitten um Verzeihung für die beteiligten Personen?

Die Bitte um Verzeihung spielt tatsächlich eine große Rolle beim Verzeihen. Viele Menschen machen ihre Vergebungsbereitschaft sogar davon abhängig, dass der oder die andere „sich wenigstens entschuldigt“ hat. Das liegt sicher auch daran, dass wir befürchten, die Person könnte uns erneut verletzen und einfach so weitermachen wie bisher, wenn wir ihr entgegenkommen. Vielleicht sieht der andere gar nicht ein, dass sein Verhalten falsch war. Vielleicht denkt er, dass er es mit mir ja machen kann. Diese Befürchtungen erübrigen sich, wenn die Person aufrichtig um Verzeihung bittet, denn damit bekennt sie sich zu ihrer Schuld und gelobt zugleich Besserung.

Eine aufrichtige Bitte um Verzeihung kann darüber hinaus auch unser Bedürfnis nach Vergeltung befriedigen. Oft haben Menschen den verständlichen Wunsch, diejenigen zu bestrafen, die ihnen Unrecht getan haben. Unser Gerechtigkeitsempfinden verlangt, dass der andere nicht ungeschoren davonkommt. Wir dürfen es ihm nicht zu leicht machen, denn Unrecht muss gesühnt werden. An der Bitte um Verzeihung können wir erkennen, dass auch der andere unter seinem Verhalten leidet, dass er wirklich bereut, was er angerichtet hat. Mitunter reicht das aus, um unseren gerechten Zorn zu besänftigen. Wer aufrichtig um Verzeihung bittet, hat vielleicht genug gebüßt.

Und noch etwas anderes macht die Bitte um Verzeihung so bedeutsam: Indem die andere Person ihr Unrecht eingesteht, bekennt sie sich zugleich zu meinen Rechten. Sie anerkennt, dass sie das mit mir nicht hätte machen dürfen. Sie bringt zum Ausdruck, dass sie mich achtet – dadurch wird es mir möglich, ihr entgegen zu kommen, ohne meine Selbstachtung zu riskieren. Mitunter äußern Menschen, die hintergangen, betrogen oder misshandelt worden sind, die Sorge: „Wenn ich dem das verzeihe, dann kann ich nicht mehr in den Spiegel schauen. Es ist, als würde ich meine eigenen Rechte mit Füßen treten.“ Diese Befürchtung kann durch die Bitte um Verzeihung beruhigt werden, wenn diese Bitte wirklich aufrichtig ist.

Gibt es auch Schuld, für die man sich nicht entschuldigen kann?

Dass es den meisten Menschen nicht eben leichtfällt, um Verzeihung zu bitten – oder „sich zu entschuldigen“, wie wir umgangssprachlich sagen – wissen wir alle und viele von uns kennen das aus eigener Erfahrung. Wir verstehen, was gemeint ist, wenn Elton John in seinem berühmten Song singt: „Sorry seems to be the hardest word.“ Manchmal bringen wir es einfach nicht fertig, um Verzeihung zu bitten.

Das muss nichts mit Stolz zu tun haben. Manche Menschen schämen sich einfach zu sehr, um ausgerechnet die Person, die sie verletzt haben, auch noch um etwas zu bitten. Sie haben das Gefühl, jedes Recht dazu verwirkt zu haben. Sie denken vielleicht: „Alles, was ich für mein Gegenüber jetzt noch tun kann, ist, es einfach in Ruhe zu lassen und nicht auch noch mit meinem schlechten Gewissen zu behelligen. Ich habe genug angerichtet.“

Es kann also auch Ausdruck von Scham, Mitgefühl und Rücksicht sein, dass Menschen nicht um Verzeihung bitten. Allerdings gibt es in solchen Fällen durchaus Alternativen. Wir müssen ja nicht um Verzeihung bitten und den anderen damit vielleicht sogar noch in moralischen Zugzwang setzen. Wir können stattdessen zum Beispiel einen Brief schreiben und deutlich machen, wie sehr wir bereuen, was wir getan haben. Wir können klarstellen, dass wir keine Vergebung erwarten und ausdrücklich darauf verzichten, um Verzeihung zu bitten. „Was ich getan haben, ist unverzeihlich. Ich möchte nur, dass Du weißt, dass mir das klar ist und dass ich mir schwere Vorwürfe mache. Es tut mir furchtbar leid. Ich werde tun, was ich kann, um den Schaden wieder gut zu machen, den ich angerichtet habe.“ Solche Worte können für die andere Person von großer Bedeutung sein – und sie kann selbst entscheiden, ob und wie sie darauf reagiert.

Sind Verbrechen oder Taten, die nicht vor Gericht gesühnt wurden, schwerer zu verzeihen?

Unser Gerechtigkeitsempfinden verlangt, dass Menschen, die anderen Unrecht tun, nicht ungeschoren davonkommen dürfen. Das ist der Sinn von Sanktionen: Wir zeigen dem anderen die kalte Schulter, brechen den Kontakt ab, machen sein Verhalten publik, bringen andere gegen ihn auf etc. – und all das tun wir nicht zuletzt auch, um ihn für sein Verhalten büßen zu lassen. Wenn wir stattdessen verzeihen, verzichten wir auf diese persönliche Vergeltung, und auf den ersten Blick leuchtet der Gedanke ein, dass das leichter fällt, wenn die Person schon juristisch für ihr Handeln bestraft wurde und ihre Strafe ‚verbüßt‘ hat. Allerdings ist justiziables Unrecht – also Taten die von Gerichten bestraft werden – häufig besonders schwerwiegend, so dass Vergebung in solchen Fällen vielleicht aus anderen Gründen nicht leichtfällt.

Wie leicht oder schwer es ist, jemandem zu verzeihen, liegt aber ohnehin immer auch an den beteiligten Personen, und es hängt mit ganz verschiedenen Dingen zusammen. So sind wir mitunter eher bereit, Dinge zu verzeihen, an denen wir nicht ganz unschuldig sind oder von denen wir wissen, dass wir selbst so etwas auch schon mal getan haben. Ein typisches Beispiel sind Lügen: Lügen sind alles andere als banal. Sie können großen Schaden anrichten und ein Vertrauensverhältnis extrem erschüttern. Aber zu wissen, dass auch ich selbst nicht immer ehrlich bin oder dass ich in der Lage des anderen wahrscheinlich auch nicht den Mut gehabt hätte, die Wahrheit zu sagen, kann das Verzeihen erleichtern. Es gibt dann so eine Art Fairness-Argument: „Wenn du willst, dass man dir verzeiht, dann sei auch selbst dazu bereit.“ Das kann uns durchaus zu denken geben und unsere Vergebungsbereitschaft wecken.

Ich denke zudem, dass Verzeihen etwas mit Willenskraft zu tun hat, obwohl es dabei auch um unsere Gefühle geht. Zorn, Groll und Enttäuschung kann man nicht einfach so auf Knopfdruck überwinden, nur weil man das will oder sich dazu entschließt. Aber wir sind diesen Gefühlen auch nicht völlig ausgeliefert. Der Wille zu verzeihen ist eine starke Macht. Wir können zum Beispiel beschließen, die wütenden Gefühle nicht länger zu nähren, und wir haben die Macht, damit aufzuhören, sie ständig neu zu entfachen, indem wir die leidvolle Geschichte wieder und wieder und wieder erzählen. Wenn wir nicht weiter wie eine Henne im Nest über dem Unrecht, das uns geschehen ist, „brüten“, wird es in unserem Leben nach und nach keinen so großen Raum mehr einnehmen.

Wenn der Entschluss zu verzeihen stark ist – wenn es beispielsweise um eine zerbrochene Partnerschaft geht und man Kinder hat, die unter dem Zerwürfnis der Eltern nicht leiden sollen –dann kann die Überwindung von Groll vergleichsweise leichtfallen.

Mein Buch zum Verzeihen beginnt ich mit einer psychologischen Studie, in der die Folgen von Scheidungen und Trennungen für Familien untersucht wurden. Die zentrale Frage war: Wie kommen Familien mit Kindern mit einer Scheidung klar? Eigentlich sollte die Studie nur ein Jahr dauern, doch am Ende wurden es 25 Jahre, weil schnell deutlich wurde, dass Familien teils sehr lange brauchen, um solche Erschütterungen zu bewältigen. Für mich war vor allem interessant und erstaunlich, wie lange getrennte Paare ihren Ex-Partner auch nach der Trennung noch grollen. Bei vielen hielt das Gefühl auch 15 Jahre nach der Scheidung noch an, obwohl sie zum Teil gar nicht so lange verheiratet gewesen waren. Das fand ich erstaunlich und es macht deutlich, wie weit in die Zukunft die Folgen von Verletzungen ggf. reichen können, wenn wir keinen konstruktiven Umgang damit finden. Diese Folgen sind oft nicht nur für uns selbst belastend, sondern können auch das Leben anderer – in der Studie insbesondere das der betroffenen Kinder – überschatten. Die Bereitschaft zu verzeihen kann auch für das Umfeld entlastend sein, auch wenn sie nicht zu einer Versöhnung führt.

Das betrifft Familien aber auch ganz generell, also nicht nur im Fall von Scheidungen. Je näher wir einander kommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, einander Unrecht zu tun und desto schwerer wiegen Verletzungen. Das kann zu Zerwürfnissen führen – beispielsweise unter erwachsenen Geschwistern – die die ganze Familie belasten und jedes Familienfest überschatten. Solche Auswirkungen auf Dritte sind mitunter ein starker Grund, sich zu entschließen, das mit dem Verzeihen wenigstens zu versuchen. Nicht, weil der andere es verdient hat, sondern weil es für uns alle gut ist, wenn wieder ein anderer Geist einkehrt.

Wie kann ich nach einer Trennung verzeihen?

Wenn Menschen, die vorhatten, ihr Leben gemeinsam zu verbringen, sich trennen, ist das oft ein sehr schmerzhafter Prozess. Das allein heißt allerdings nicht schon, dass es hier immer etwas zu verzeihen gibt. Menschen haben das Recht, Beziehungen zu beenden – auch wenn Frauen dieses Recht lange verweigert wurde – und das ist auch gut so. Allerdings ist Unrecht, wie zum Beispiel Unehrlichkeit, Betrug, Vertrauensmissbrauch, psychische oder physische Gewalt, häufig ein Grund für Trennungen, und dann kommt zum Schmerz der Trennung der Groll hinzu. Nicht immer ist es das richtige, in einer solchen Situation zu verzeihen. Aber wenn Menschen sich dazu entschließen, stellen sie manchmal fest, dass das auch für sie selbst eine Art Entlastung oder Befreiung ist. Sie erleben, dass sie Macht haben, ihr Leben und Erleben selbst (mit) zu gestalten; dass sie ihrer Geschichte nicht ausgeliefert sind. Und sie berichten, dass es einen großen Unterschied gemacht hat in ihrer Selbstwahrnehmung: „Ich verstehe mich fortan nicht mehr nur als Opfer dieses Ereignisses, sondern nehme es in die Hand und bestimme eigenständig, was das mit mir macht.“ Auch das kann ein Weg sein, die eigene Selbstachtung zurückzugewinnen.

Was kann man denn tun, wenn man eigentlich verzeihen möchte, aber nicht kann?

In diesem Fall sollten wir uns zunächst fragen, was wir da von uns erwarten bzw. was wir uns vom Verzeihen erhoffen. Was genau ist es denn, was ich „nicht kann“? Vielleicht sind unsere Erwartungen zu hoch. Eine Frau hat zu mir gesagt: „Ich würde meinem Mann gern verzeihen, aber ich glaube nicht, dass ich das kann. Ich werde wohl niemals vergessen, was er getan hat.“ Doch wer verzeiht, muss nicht vergessen. Im Gegenteil: Oft führt Vergebung sogar dazu, dass wir uns endlich wieder ohne Groll an das erinnern dürfen, was geschehen ist und es nicht mehr verdrängen müssen. Es ist und bleibt ein Teil unserer Geschichte.

Jemanden zu verzeihen heißt auch nicht, dass ich die Beziehung zum anderen fortsetzen muss oder meine Liebe zu ihr oder ihm neu entdecke. Es heißt zunächst ‚nur‘, dass ich meinen Groll nicht länger nähren werde, dass ich ihm keine Vorwürfe mehr mache und dass ich auch ihm erlaube, mit den Selbstvorwürfen aufzuhören. Es ist kein Widerspruch, zu jemandem zu sagen: „Ich habe Dir verziehen, dass du mich hintergangen hast. Du musst dir das nicht mehr zum Vorwurf machen. Es steht nicht mehr zwischen uns. Aber ich kann dir einfach nicht mehr vertrauen. Lass uns in Zukunft (gemeinsam) getrennte Wege gehen.“

Wenn Menschen meinen, dass sie jemandem nicht verzeihen können, ist das also manchmal eine Art Missverständnis.

Aber es gibt auch Erlebnisse, bei denen es uns schlicht nicht gelingt, den Entschluss zu fassen, uns selbst und den anderen zu entlasten. Alles in uns sträubt sich dagegen – vielleicht brauchen wir den Groll, um zu überleben und unsere Selbstachtung zu wahren, und wären ihn zugleich so gern los. Menschen, die Missbrauch erlebt haben, sind nicht die einzigen, die von solchen Erfahrungen berichten. Ich denke, in diesen Fällen hilft das Wissen, dass wir nicht alles verzeihen müssen. Es kann völlig angemessen sein, Unrecht nicht zu vergeben. Wir müssen auf uns achtgeben und dafür sorgen, dass der Groll unser Leben nicht beherrscht und wir uns nicht selbst durch übertriebene Vergeltung ins Unrecht setzen – aber solange wir das tun, dürfen wir damit einverstanden sein, dass wir nicht bereit oder auch nicht imstande sind, erlittenes Unrecht zu verzeihen.

Das wäre auch die nächste Frage: Welche Gründe sprechen dagegen zu verzeihen?

Zunächst einmal scheint es mir wichtig, klarzustellen, dass es durchaus eine ganze Reihe von Gründen gibt, nicht – oder noch nicht – zu verzeihen. Manchmal wiegen diese Gründe schwerer als alles, was zugunsten des Verzeihens spricht. Es gibt daher auch keine moralische Pflicht zu verzeihen.

Insbesondere im christlichen Kulturkreis versteht sich das nicht von selbst. Hier geht man in der Regel stillschweigend davon aus, dass man nichts falsch machen kann, wenn man bereit ist, zu verzeihen. Ich bin da anderer Meinung.

Wer zu oft, zu schnell oder zu bereitwillig verzeiht, läuft Gefahr, den ‚Übeltäter‘ dazu zu ermutigen, so weiterzumachen wie bisher. Ausgerechnet der Kirchenvater Lactantius hat diesen Gedanken schon vor vielen Jahrhunderten zum Ausdruck gebracht: „Wer immer verzeiht“, so meinte er, „der stärkt die Frechheit zu größeren Freveln.“ Vergebung ist, mit anderen Worten, schlimmstenfalls kontraproduktiv.

Auch der Gedanke, dass es ein Gebot der Gerechtigkeit ist, dass Menschen, die Unrecht tun, dafür angemessen büßen müssen und nicht zu schnell von ihrem schlechten Gewissen entlastet werden, spielt hier eine Rolle.

Und schließlich geht es auch um Selbstachtung: Wenn mein Gegenüber nicht bereit ist, das Unrecht seiner Tat anzuerkennen, verlangt es mitunter der Respekt vor uns selbst, dass wir der Missachtung unserer Rechte etwas entgegensetzen und ‚hart bleiben‘.

Die ‚rote Linie‘, die wir in Sachen Vergebungsbereitschaft ziehen, ist also nicht unbedingt ein Ausdruck von Engherzigkeit oder Schwäche. Sie hat oft gute Gründe und sie dient auch dazu, uns eine Art sittliche Kontur zu geben: Sie informiert den anderen darüber, wo die Grenzen unseres Entgegenkommens liegen.

Wie kann ich mir selbst verzeihen?

Die Formulierung, dass wir uns selbst verzeihen – oder eben nicht verzeihen können – ist aus meiner Sicht unglücklich. Sich selbst zu verzeihen hieße ja, dass wir uns selbst die Erlaubnis gäben, kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Aber das können wir nicht. Denn das schlechte Gewissen bzw. die Selbstvorwürfe schulden wir dem anderen, also der Person, der wir Unrecht getan haben. Sie kann uns von dieser Schuld entlasten, indem sie uns verzeiht. Wir selbst können das nicht.

Dennoch verstehen wir, was gemeint ist, wenn Menschen klagen, dass sie sich selbst nicht verzeihen können, was sie getan haben. Aus meiner Sicht geht es hier um die Unfähigkeit, mich mit mir selbst zu versöhnen, nachdem ich erlebt habe, wozu ich imstande bin. Das kann eine sehr schwere Last sein. Mitunter hilft es, wenn andere uns verzeihen – aber vielleicht sind sie dazu nicht bereit oder es reicht nicht aus.

In einer solchen Situation kann es helfen, eine Perspektive einzunehmen, die beim Verzeihen ganz generell gefragt ist: Es ist die Perspektive der Humanität. Wenn wir jemand anderem verzeihen, dann erklären wir uns bereit, diese Person als ganzen Menschen zu sehen und sie nicht auf eine einzelne Tat zu reduzieren. Wir machen einen Unterschied zwischen unserer Haltung gegenüber dem Menschen und unserer Einstellung zu seiner Tat. Diese Perspektive der Menschlichkeit sollten wir auch uns selbst gegenüber einnehmen, denn jeder Mensch – auch wir selbst – ist mehr als das, was er oder sie getan hat.

Wie gehen Kinder mit dem Thema Verzeihen um und wie kann man sie in diesem Prozess begleiten?

Das ist eine pädagogische Frage, mit der ich mich leider nicht wirklich auskenne. Ich habe jedoch in Gesprächen gelernt, dass es hilfreich sein kann, Kinder an das Verzeihen als an eine Art „Ritual“ heranzuführen. Verzeihen ist, wenn man so will, eine Kulturpraxis, die eine Form braucht.

Ich kenne das aus meiner eigenen Kindheit: Da gibt es Streit im Sandkasten, der eine hat dem anderen mit dem Schüppchen auf den Kopf geschlagen, der Getroffene weint und will grade zurückschlagen, da stürmt ein Elternteil heran und fordert den Übeltäter auf, sich zu entschuldigen. Und dann heißt es ganz schnell: „Und jetzt gebt euch die Hände.“

Das scheint mir allerdings ein eher missglückter und zu mechanischer Versuch, die Kunst des Verzeihens zu erlernen, auch wenn die Idee ja nicht schlecht ist: Es gibt nur den einen Sandkasten und vielleicht auch nur den einen Spielkameraden, und wenn wir auch morgen noch miteinander spielen wollen, müssen wir die Geschichte zu einem versöhnlichen Abschluss bringen. Aber so?

Ich könnte mir vorstellen, dass es in diesem wie in anderen Fällen auch eine bessere Idee ist, Kindern das ‚Ritual‘ des Verzeihens vorzuleben, indem man sie erleben lässt, dass es erwachsene Menschen gibt, die die entsprechenden Formen beherrschen. Erwachsene Menschen, die Fehler machen und die sich dazu bekennen und die zeigen, dass ihnen leidtut, was sie getan haben. Menschen, die sagen, „Bitte verzeih’ mir“ Oder: „Ich hab’ da echt Mist gebaut und das tut mir richtig leid. Könntest Du mir das verzeihen? Ich möchte mich bei Dir entschuldigen, das war wirklich nicht in Ordnung.“

Dazu kann auch gehören, dass man sich selbst bei den eigenen Kindern entschuldigt. Es gibt ganz sicher kein Elternteil, das dazu nicht gelegentlich Grund hätte, und das könnten willkommene Gelegenheiten sein, Kindern erfahrbar zu machen, was es bedeutet und bewirkt, um Verzeihung zu bitten – und zwar ohne sich im selben Atemzug für das eigene Fehlverhalten zu rechtfertigen.

Danke, liebe Frau Boshammer. Das werde ich direkt beherzen, ich entschuldige mich regelmäßig bei meiner Tochter, aber meist habe ich tatsächlich auch gleichzeitig versucht, mich zu rechtfertigen. Das werde ich ab sofort ändern!

Vielen Dank, sehr gern!

Über die Autorin

Susanne Boshammer lehrt als Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Osnabrück und arbeitet zu Problemen der Moralphilosophie und der angewandten Ethik. Als Referentin für ethische Themen, Mitwirkende des internationalen Philosophie-Festivals „Phil.Cologne“ und regelmäßiger Gast im „Philosophischen Radio“ auf WDR5 ist es ihr besonderes Anliegen, philosophische Fragen allgemeinverständlich zu diskutieren.

  • Rowohlt Buchverlag
  • 240 Seiten
  • ISBN: 978-3-498-00681-5

    Von Sara Buschmann