Seit SOLOMÜTTER online ist, geraten wir regelmäßig in eine Situation des Sichrechtfertigenmüssens. Uns werden immer wieder Fragen gestellt wie: „Warum ist Euer Angebot nur für Frauen?“, „Findet Ihr das nicht männerfeindlich?“ oder „Auch Väter haben nach Trennungen Probleme.“ Manchmal werden die „Ratschläge“ sogar „ganz persönlich“: „Mit dem Betreiben dieser Seite, wird Dich kein Typ mehr mit der Kneifzange anfassen.“ oder „Sag nicht jedem, dass Du ein feministisches Portal betreibst, das schreckt ab!“

Ich bin fast schon müde dann regelmäßig zu erklären, warum eine Fokussierung auf Mütter aus meiner Sicht durchaus Sinn macht. Seit ich weiß, dass Kai-Uwe Bevc der „Mann hinter MIA“ ist, bin ich neugierig: Wer ist dieser Typ und warum engagiert er sich aktiv für Mütter- und Kinderrechte?

Ich freue mich, dass ich ihn nun endlich persönlich fragen durfte!

Kai-Uwe, erzähle doch mal bitte, wie Du zur MIA – Mütterinitiative für Alleinerziehende gekommen bist.

Ich würde zunächst gerne richtigstellen wollen, dass ich kein „Mann hinter“ bin, sondern einer an der Seite der Mütter. So bin ich auch dazu gekommen: In der Gründungsphase von MIA fiel ich einigen positiv mit meiner Haltung, meinen Aussagen und meinem Verständnis auf, die stark durch meine eigene Entwicklung und mein Da-Sein für meine Tochter geprägt sind, die ich als alleinerziehender Vater groß gezogen habe.
Dabei spielen auch meine Erfahrungen mit den verschiedenen Professionen in der Trennungszeit eine Rolle, das Miterleben, was da mit einem Kind geschieht und wie unterschiedlich die Erwartungen an die Geschlechter sind – Spoiler: an Mütter sehr hoch.

Ebenso gehören natürlich Erfahrungen und Miterleben in puncto Partnerschaft, Trennungen und Elternschaft im Bekannten- und Freundeskreis dazu. Ich wurde von den MIAs daher gefragt, ob ich die Umsetzung von MIA auch aktiv unterstützen würde. Das habe ich spontan zugesagt, weil ich schon zu der Zeit den starken Eindruck hatte, dass sich das Rad in den letzten 10-20 Jahren rückwärts dreht.

Und warum keine Väterrechtler-Organisation?

Ich sehe Väterrechtler nicht als ernstzunehmende Option, die einer Interessenvertretung alleinerziehender Mütter gegenüber stünde. Sie sind eben nicht einfach die „andere Seite“, als die sie oft wahrgenommen und behauptet werden.

Die Grundidee der meisten Männer- und Väterrechtler-Organisationen ist in ihrem Kern antifeministisch und retrograd. Sie sehen Männer oft als die „wahren Opfer“ und drehen sich darum, „mehr Rechte“ für Männer bzw. Väter zu etablieren, die sie aber längst besitzen. Ihr Gesellschafts- und Elternbild ist auf genetische Abstammung vom Vater fixiert, was regelmäßig mit neuen Beziehungs- und Betreuungsmodellen kollidiert.

Das Vorgehen der Väterrechtler bei Trennungen stellt auf das Herstellen einer vermeintlichen Gleichberechtigung zwischen Vätern und Müttern ab, ohne jedoch die deutlichen Unterschiede zwischen den Elternteilen in der Vortrennungssituation zu berücksichtigen.  Die typischen geschlechtsbasierten Benachteiligungen insbesondere in Elternschaften werden von ihnen nicht gesehen, als nicht vorhanden erklärt oder als Ideologie abgetan. Gleichberechtigung wird in diesem Denkkosmos als etwas dargestellt, das durch die unterschiedslose Behandlung verwirklicht sei, ohne strukturelle Aspekte zu berücksichtigen. Im Grunde läuft das alles auf ein Auswechseln der Kontrolle über Frau und Kinder via Ehe durch eine Kontrolle über die väterliche Elternschaft hinaus. Kinder erscheinen in diesem Konzept nur als zu verteilender Besitz.

Das alles hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun, zumal mir in dieser Perspektive der Fokus auf die Kinder und ihre individuellen Bedürfnisse völlig verlorengeht. Leider werden Kinder und ihre Bedürfnisse von Väter-Aktivisten, aber auch Unterstützerinnen an deren Seite, über inzwischen sehr ausgefeilte strategische Wordings instrumentalisiert, um ihre starren, retrograden Vorstellungen zu re-etablieren.

Wofür engagiert Ihr Euch bei den MIAs?

Wir wollen die Situation von Müttern verbessern, insbesondere von Alleinerziehenden als am stärksten betroffener und vulnerabler Gruppe: Indem wir ihre spezifischen Probleme aufzeigen, die sie von einer tatsächlichen Gleichstellung fernhalten – und damit auch ihre Kinder im ganzen Leben benachteiligen. Wir wollen aufklären, z.B. über die verschiedenen Gewaltformen, die auch die Istanbul-Konvention definiert, und ihre Folgen. Über Strukturen, die auch heute noch zu Erwartungen, Entscheidungen und Entwicklungen führen, die Mütter massiv benachteiligen, erst recht, sobald sie alleinerziehend sind.

Carearbeit, die zum größten Anteil von Frauen geleistet wird, wird bis heute nicht als Arbeit anerkannt. Mutter zu sein ist eines der größten Armutsrisiken in diesem reichen Land. Das Sorge- und Umgangsrecht zwingt Mütter in Abhängigkeit zu den Vätern und gefährdet sie sogar.

Bei MIA erarbeiten wir Lösungsansätze, die wir in die politischen Prozesse und die Öffentlichkeit einbringen. Wir werben um Verständnis, denn die meisten bekommen von all dem erst dann tatsächlich etwas mit, wenn sie selbst betroffen sind. Für viele Weichenstellungen ist es dann längst zu spät. Zudem bieten wir in Kooperation die Unterstützung von Müttern in konkreten Trennungssituationen in einer Selbsthilfegruppe an.

Und weshalb denkst Du, geht das auch Männer bzw. Väter an?

Zum einen aus unser aller Biografie: Wir alle kommen von einer Mutter. Was macht das mit uns, wenn wir ständig sehen, dass Mütter schlecht behandelt werden, abgewertet werden, in Abhängigkeit oder Armut leben oder fortgesetzt Gewalt ertragen müssen? Oder schlicht zu hohen Erwartungen ausgesetzt sind, die sie aufreiben? In welche Gesellschaft führt uns das? Wie stellt das uns Männer konkret zu den Frauen um uns? Wie insgesamt zum Leben? Das sind allesamt keine guten Perspektiven.

Zum anderen auch als Partner: Ich kann eine Partnerschaft nur auf Augenhöhe führen, wenn auch die Gesellschaft das bei Erwerbsarbeit, im Recht und mit Schutz ermöglicht. Ansonsten ist es eine kaum leistbare Aufgabe, all die Benachteiligungen im Individuellen auszugleichen, die in der gegenwärtigen Gesellschaft durch Mutterschaft entstehen, zumal das dann auch noch von meinem Goodwill als Mann bzw. Vater abhängt. Was fördert benachteiligende Konstellationen, was Gewaltanwendung jeglicher Art? Was hindert Mütter, sich aus solchen Situationen zu befreien? Im Falle einer Trennung sind dann schon so viele Probleme vorprogrammiert, die im großen Umfang zu Lasten der Mütter und damit auch der Kinder gehen. Wenn es alleinerziehenden Müttern gut geht und sie auf festem Boden stehen, wird sehr vieles besser.

Was ist „toxische Männlichkeit“?

Der Begriff wird sehr oft reaktiv falsch verstanden und löst persönliche Angegriffenheit aus. Oft wird dann auch „Männerhass“ unterstellt. Aber nicht Männer sind toxisch, sondern das, was wir in unserer Gesellschaft vorherrschend als „männlich“ verstehen und sozialisieren. Das ist keine zwingende Entwicklung, Männer „sind nicht so“, sie werden so.
Von toxischer Männlichkeit sind zudem nicht nur Männer betroffen, sondern durchaus auch einige Frauen, die die Verhaltensweisen adaptieren oder unterstützen. „Toxisch“ ist es, weil es dieses Stereotyp „Mann“ zum Leitprinzip erhebt, entweder direkt oder indirekt.
Es geht dabei um ein Verhalten, das schädlich auf die Person selbst und ihr Umfeld wirkt. Kontroll- und Machtmechanismen, Wettbewerb, Gewalt, emotionale Armut, Ausbeutung, Männerbünde sind die bekannteren Aspekte.

Vielen ist gar nicht so klar, wo überall sich das im Verhalten zeigt: Nach Äußerem bewerten – also Objektifizierung und Sexualisierung, aber auch Abwertung alles vermeintlich „Schwachen“. Alltags-Sexismus verwenden, Frauen unterbrechen oder ihre Ideen ungefragt als eigene übernehmen u.v.m. Oder auf sich selbst bezogen: Ein paradoxer Gegensatz aus Ich-Bezogenheit einerseits, andererseits aber nicht auf das eigene Befinden achten, Risiken eingehen, Überlastungen ignorieren, sich keine Hilfe suchen. Es wird gerne übersehen, dass dieses Verhalten sich in anderen fortsetzt, sie bestärkt, sich ebenso falsch zu verhalten oder hindert, sich anders zu verhalten. Oder es grenzt aus, weil es festlegend wirkt. Toxische Männlichkeit wirft also auch die Frage nach unserer Gestaltung von Gesellschaft auf.

Gibt es noch mehr Begrifflichkeiten, die spannend wären vorzustellen?

Einen hatte ich schon genannt: Die Carearbeit ist eine tragende Säule der Gesellschaft und Wirtschaft. Sie wird hauptsächlich von Frauen, unentgeltlich und mit wenig Wertschätzung erbracht. Wo sie bezahlt wird, sind die Löhne gering, die Arbeitsanforderung hoch. Care ist dabei vieles, was gesellschaftlich nicht als produktiv angesehen wird: Die Betreuung am Anfang und am Ende des Lebens, Erziehung und Bildung, die Fürsorge in privaten Haushalten, die doch die Basis für alle produktive Leistung sind. Damit im Zusammenhang steht auch immer wieder der Mental Load, also: Wer denkt an all die Dinge, die zu erledigen sind, sorgt dafür, dass sie umgesetzt werden? Und trägt damit die Verantwortung dafür, dass das passiert?

Ebenfalls wichtig ist das Begriffsinstrumentarium rund um Gewalt. Den meisten dürften physische und sexuelle Gewalt geläufig sein, einigen auch psychische Gewalt. Manchen vielleicht noch strukturelle Gewalt, also Strukturen durch Gewohnheiten, Abläufe und Gegebenheiten, die uns zu einem bestimmten Handeln oder Entscheiden nötigen.

Digitale Gewalt durch Überwachung und Ausspähen, aber auch durch Angriffe über Computersysteme und Internet, Diffamierung, Rufschädigung, Stalking – ein großes Problem vor allem für Frauen in Social Media, aber auch im Individualkontakt über immer mehr digitale Geräte und Kanäle.

Die wenigsten hingegen dürften mit dem Begriff der finanziellen Gewalt vertraut sein: Eine Konstellation, in der meist Frauen durch ihnen fehlende wirtschaftliche Mittel zu einem aufgezwungenen Handeln genötigt werden, z.B. zum Verbleib in Gewaltbeziehungen.
 Und ebenso unbekannt in diesem Kontext ist die institutionelle Gewalt. Diese beschreibt durch Behörden oder Gerichte ausgeübten Zwang, der sachlich unbegründet oder unverhältnismäßig ist, wenn z.B. Mütter mit Sorgerechtsentzug bedroht werden, wenn sie Schutzverhalten gegenüber ihren Kindern zeigen.

Wirst Du persönlich auch manchmal für Dein Engagement angegriffen oder belächelt?

Oh, da könnte ich allerlei bunte Begriffe aufzählen! Interessanterweise gehen auch sie teils mit Abwertung von Mutterschaft einher – „vermuttert“ wäre so einer – oder sie stellen eben die Männlichkeit in Frage. Das sind dann eher üble Beleidigungen weit über „Weichei“ hinaus. Regelmäßig wird natürlich mein Engagement in Frage gestellt, indem z.B. ein Beschützerkomplex unterstellt wird – WhiteKnight – oder die Absicht, so „an Frauen heran zu kommen“. Am liebsten ist mir aber der „lila Pudel“ – mit dem Spruch hol ich mir demnächst einen Hoody.
 Bei all dem weiß ich aber, dass das nichts ist im Vergleich zu dem, was Aktivistinnen teils erleben, mit welcher verbalen, digitalen und zum Teil physischen Gewalt und Bedrohung sie sich auseinandersetzen müssen.

Ihr seid ja auch im Bündnis Istanbul-Konvention. Kannst Du uns mal erklären, was und wozu das gut ist?

Die Istanbul-Konvention ist ein völkerrechtlicher Vertrag zum Schutz von Frauen und Mädchen vor geschlechtsspezifischer Gewalt und vor häuslicher Gewalt – letzteres schließt explizit Kinder mit ein. Die Konvention wurde von Deutschland 2018 ratifiziert und ist seither geltendes Recht in Deutschland – eigentlich. Und eigentlich müsste die Konvention seit drei Jahren in die nationale Gesetzgebung implementiert werden. Daran fehlt es bisher nahezu völlig. Ein drängender Punkt z.B. ist, dass der Gewaltschutz endlich nicht mehr durch das Sorge- und Umgangsrecht ausgehebelt wird und Gewalttätern so weiterhin mit Unterstützung des Staates Zugriff auf Mutter und Kinder verschafft wird.

Das Bündnis, in dem sich zahlreiche deutsche Frauenrechts- und Gewaltschutzverbände sowie Expert:innen zusammengeschlossen haben, hat sich zur Aufgabe gemacht, die Umsetzung bei der Politik einzufordern und voranzutreiben.

Welche weiteren akuten Themen habt Ihr ansonsten aktuell auf der Agenda?

Die Ausgestaltung der vorgerichtlichen Trennungs- und familiengerichtlichen Praxis ist uns ein großes Anliegen. Hierbei geht es u.a. um verpflichtende Aus- und Fortbildungsinhalte für sämtliche an solchen Verfahren beteiligter Professionen: Verfahrensbeiständ:innen, Gutachter:innen, Richter:innen, Jugendämter. Und da speziell um die Durchsetzung der Istanbul-Konvention und die Vermittlung der wissenschaftlich evidenten Erkenntnisse bzgl. Formen und Dynamiken von Partnerschaftsgewalt, Nachtrennungsgewalt und ihrer teils Langzeitfolgen für Betroffene und die Kinder. Das Sorge- und Umgangsrecht sind hier wichtige Punkte.

Was würdest Du Dir für unsere Gesellschaft und die Zukunft unserer Kinder wünschen?

Eine Welt, in der wir nicht mehr in Schablonen von richtig und falsch gepresst werden, nicht mehr auf Basis unseres Geschlechtes abgewertet und benachteiligt werden, sei es, weil einige von uns Frau sind, sei es, weil manche von uns nicht so Mann oder Frau sind, wie sie es laut Schablone sein sollten, oder keines von Beidem. Eine Welt, in der Kinder eine Aufgabe der Gesellschaft sind und kein Privat“vergnügen“ mit Absturzrisiko. In der Care eine gesellschaftlich anerkannte und honorierte Leistung ist, in der nicht wirtschaftliches, sondern gesellschaftliches und ethisches Wachstum vorangestellt wird, alle ein Dach über dem Kopf haben und so leben können, dass sie selbst ihre Art der Teilhabe entwickeln und nicht unter Existenzdruck den Interessen anderer unterworfen werden.

Und nun zum Abschluss nochmal etwas ganz anderes, da Du aus dem Architekturbereich kommst: Hast Du schon mal über alternative Wohnformen für Alleinerziehende nachgedacht? Und falls ja, wie?

Das ist sogar ein alter Hut, für den es bereits viele positive Beispiele gibt. Genossenschaftliche und Kommunen-Wohnformen sind z.B. ideal geeignet, weil sie bezahlbaren Wohnraum bieten, aber auch Gestaltungen gebauter Räume, die sowohl Privatheit für den Rückzug ermöglichen als auch halböffentliche Gemeinschaft für Teilhabe. Solche Formen fördern das Miteinander, was die wichtigen sozialen Netze in räumlicher Nähe schafft. Das ist auch im digitalen Zeitalter weiterhin entscheidend. Solche Lösungen bieten auch generationenübergreifend Raum und Zuschnitte der privaten Bereiche, die nicht auf die klassische Kleinfamilie ausgerichtet sind. Da sind jüngere und aktive Kolleg:innen aber auch ständig in der Weiterentwicklung von Ideen. Leider hängt das an Investoren und Gemeinden, die solche Projekte finanzieren und fördern müssen, sonst bleiben das nur gute Beispiele.

Danke, Kai-Uwe. Es war noch spannender als gedacht und bei den nächsten „doofen Fragen“ verweise ich einfach auf den Link zu diesem tollen Gespräch!

 

Über

Kai-Uwe Bevc (54), Architekt & IT-Systemmanager, geschieden, 1 Tochter, Vorstandsmitglied der MIA – Mütterinitiative für Alleinerziehende

MIA entstand aus der digitalen Vernetzung alleinerziehender Mütter. Sie wollten über den reinen Erfahrungsaustausch hinaus selbst aktiv werden: die Öffentlichkeit verstärkt über die Missstände und großen Hürden ihrer Lebenssituation aufklären, der Politik wichtige Impulse geben und selbst politisch arbeiten, um die teils erschreckend prekäre Lage von alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern zu verbessern. Dafür schlossen sie sich Ende 2017 zu MIA zusammen.

Seit 2018 hat die bundesweite Initiative, deren lockere Basis rund 2.000 betroffene Mütter in verschiedenen assoziierten Gruppen umfasst, ihre Bundesgeschäftsstelle in Berlin. Seit 2020 ist MIA Mitglied im bundesweiten Bündnis Istanbul-Konvention, dem auch der Deutsche Frauenrat, der Deutsche Juristinnenbund, der Bundesverband Frauennotrufe und Frauenhäuser sowie zahlreiche weitere Akteure gegen Gewalt an Frauen angehören.

Die Website von MIA ist unter www.die-mias.de zu finden.

Von Sara Buschmann