Jungen Müttern geht’s beschissen. In einer Vergleichsstudie zur Lebenszufriedenheit hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Frauen mit kleinen Kindern als „die größten Leidtragenden der Pandemie“ bezeichnet. Eltern wissen das schon lange und das Internet spätestens seit unter dem Hashtag #CoronaEltern Berichte wie dieser von Journalistin Caroline Turzer zu lesen sind: „Ich habe mich gestern heulend auf den Küchenboden gelegt. Meine Zweijährige hat meinen Rücken gestreichelt und der Sechsjährige meinen Kopf.“ Ja, Müttern geht’s beschissen. Was schenkt man da zum Muttertag?

Blumen? Kann man machen – aber wozu eigentlich? Weniger beschissen geht es Müttern in der Pandemie dadurch nicht. Das Gegenteil will uns nicht nur die Industrie weismachen, sondern mittlerweile auch Politiker*innen: So verkündete die Familienministerin Carolina Trautner (CSU) kürzlich, dass in Bayern zum Muttertag Blumenläden „für ein ganz besonderes Dankeschön an die Mütter“ öffnen dürfen. Denn Mütter hätten Wertschätzung verdient für ihre Leistungen in der Pandemie. Ich will nur kurz an „heulend auf dem Küchenboden“ erinnern, an LEIDtragende Mütter. Wenn jemand Leid erträgt – nicht freiwillig, sondern um zu überleben – packen wir dann einen Strauß Blumen oben drauf und sagen Dankeschön? Mütter haben mehr verdient!

Die Bundesregierung hat eine andere Strategie: Unterstützung! Klingt schon mal besser. Aber: 150 Euro Kinderbonus. Nur im Mai. Das solle Familien mit den „besonderen Belastungen“ der Pandemie unterstützen, wie die Bundesregierung auf ihrer Webseite schreibt. Ich bin verunsichert über die 150 Euro – soll ich lachen oder weinen? Erstmal eine Frage klären: Warum gerade jetzt? Ist das ein Muttertagsgeschenk? Schon im vergangenen Jahr gab es insgesamt 300 Euro Kinderbonus zur Unterstützung – das sind 82 Cent täglich. Dafür, dass Eltern einen Vollzeitjob zusätzlich übernahmen. „Schweigegeld“ hatte es Journalistin Mareice Kaiser auf Twitter genannt.

Worüber Mütter schweigen sollen? Über die Umstände, unter denen sie leben. Denn wenn Mütter anfangen, sich auszutauschen, wird schnell klar, dass ihre Probleme nicht ins Private gehören. Dass Armut, Burnout, Benachteiligungen im Job, Einsamkeit keine Verstrickung von Einzelfällen oder persönliches Versagen sind, sondern System haben. Wie passend, dass Mareice Kaiser aktuell in der Spiegel-Bestsellerliste gelandet ist. Der Titel ihres Buches: „Das Unwohlsein der modernen Mutter“. Auf der Rückseite steht ein Zitat von ihr: „Ich schaffe gerade gar nichts, außer überleben.“ Was sie im Buch beschreibt, findet Resonanz. Der Familienblogger und Podcaster Falk Becker alias PapamachtSachen schreibt dazu auf Instagram: „Ich gehöre zur Zielgruppe dieses Buches!“ Und genau hier kommen wir zum Punkt. Unsere ganze Gesellschaft ist die Zielgruppe dieses Buches.

Das Beschissenwohlsein junger Mütter ist kein Pandemie-Phänomen. Jungen Müttern ging es noch nie richtig gut, es gab schon vorher Studien zur abnehmenden Lebenszufriedenheit in den ersten sechs Jahren der Mutterschaft: weniger Zeit, weniger Geld, mehr Depressionen und Burnout. Es fehlte immer an ideeller und finanzieller Wertschätzung für das, was sie leisten. Bisher hat es kein*e Bundeskanzler*in geschafft das zu ändern, den Wert des Kümmerns, den Wert der Care-Arbeit zu erhöhen. Aktuell liegt er bei 82 Cent pro Tag.

Annalena Baerbock (Grüne) ist Mutter und die einzige Anwärterin auf das Bundeskanzler*inenamt. Sie könnte den Wert des Kümmerns drastisch erhöhen, Anzeichen dafür sind schon in ihrem Wahlkampf zu erkennen. In einem Interview sagte sie: „Es wird Momente geben, da bin ich nicht da, weil es da wichtiger ist, dass ich bei meinen Kindern bin.“ Was sie damit zeigt: Sich um andere Menschen zu kümmern kann wichtiger sein als das höchste Amt des Landes. Denn wenn nicht Menschen in unserer Gesellschaft das wichtigste sind, für wen machen wir das dann alles? Entsprechend sollte der Wert, den wir gesamtgesellschaftlich dem Kümmern zuschreiben, einer der wichtigsten und höchsten sein.

Trotzdem wird Baerbock in Interviews immer wieder kritisch mit ihrer Mutterschaft konfrontiert: „Wie soll das gehen – Bundeskanzlerin und Mutterschaft gleichzeitig?“ Solche Fragen kennen Mütter, sie werden häufig in Bewerbungsgesprächen gestellt. Es geht um sogenannte „Vereinbarkeit“, aber in Wahrheit wollen Arbeitgeber*innen nicht wissen, wie die Kinderbetreuung geregelt ist. Sie wollen sich vergewissern, dass die Arbeit an erster Stelle steht. Es geht nicht um Vereinbarkeit, sondern um ständige Verfügbarkeit. Darum haben viele Arbeitgeber*innen auch ein Problem mit Frauen und Müttern, die sich auch heute noch überwiegend um Kinder kümmern.

Solche Fragen zeigen, wo wir mit unseren Werten aktuell noch stehen. Wie wir das ändern können? Indem wir öffentlich über die Grenzen von Arbeit sprechen, weil sie eben nicht das Wichtigste sein kann in einer gesunden Gesellschaft. Beziehungen, Fürsorge, Menschlichkeit, das Leben, die Zeit nach der Arbeit – all das sollte das wichtigste sein. Selbst wenn man Bundeskanzler*in ist. Und das darf auch ausgesprochen werden. Vielmehr ist es doch so, dass Menschen, die sich um Kinder kümmern, grundsätzlich sowieso nicht an Qualifikation verlieren, sondern gewinnen. Weil sie noch zusätzliche Erfahrungen und Perspektiven mitbringen – aus der täglichen Care-Arbeit.

Zum Muttertag wünsche ich mir, dass andere Fragen gestellt werden. Fragen nach unseren Werten. Zum Beispiel: Wie schaffen wir es, dass Mütter genauso problemlos Ämter besetzen können wie Väter? Wie können wir erreichen, dass Mütter mit der Wertschätzung für ihre Care-Arbeit mehr machen können als sie in Vasen zu stellen? Das können wir herausfinden. Indem wir kümmernden und pflegenden Menschen zuhören, besser noch: Indem wir sie in wichtige Ämter heben, wo man ihnen zuhören muss. Wo sie ihre Perspektiven als kümmernde Personen einfließen lassen. Damit wir eine Gesellschaft gestalten, die sich nicht an einer gesunden Wirtschaft misst, sondern an dem Wohl aller Menschen. Nach dem ersten Pandemie-Jahr braucht es gesellschaftliche Zeichen der Wiedergutmachung – für all das nachweisbare Leidtragen von Müttern. Blumen sind schön. Geld ist gut. Aber kümmernde Menschen als bestqualifiziert für das Bundeskanzler*inamt zu betrachten, das ist Hoffnung.

Von Anne Dittmann