„Es gibt keine glücklichen Scheidungskinder.“

Diesen Satz lese ich regelmäßig im Netz. Und genau so regelmäßig rege ich mich über ihn auf. Auch weil diese Aussage in der Regel nicht von betroffen Kindern oder Eltern kommt, sondern von „Experten“ zum Thema. Ich finde, dass dieses Statement nicht nur falsch ist, sondern auch gefährlich. Nicht zuletzt wegen meiner eigenen Geschichte als Trennungskind – und auch aus meiner heutigen Perspektive als getrennte Mutter und Coach für Mütter nach der Trennung.

„Es gibt keine glücklichen Scheidungskinder.“ Bäääm.

Gelesen habe ich diesen Satz unter anderem auf Amazon, geschrieben von einem anonymen Rezensenten des Sachbuches „Trennungskinder“ von Claus Koch.

Verhindern geschiedene Eltern das eigene Lebensglück?

Stimmt das wirklich? Gibt es keine glücklichen Scheidungskinder? Ist man per se unglücklich, wenn sich die eigenen Eltern getrennt haben? Ist die Kindheit dann vorbei und das eigene Leben gelaufen?

Ich finde: So etwas zu behaupten ist nicht nur grober Unfug. Sondern auch fahrlässig, weil mit dieser Aussage ein negatives Bild von Trennungskindern zementiert wird.

Wenn ich heute meinen achtjährigen Sohn anschaue, knapp vier Jahre nach der Trennung von seinem Vater und mir, dann sehe ich mein Kind in sehr vielen Momenten, in denen er ausgelassen und glücklich ist. In denen er aus vollem Herzen lacht. Wenn er zum Beispiel mit großer Begeisterung Fußball spielt. Oder mit seinem Freund aus der Nachbarschaft Zitronenlimonade macht. Wenn wir beide gemeinsam zu „Dance Monkey“ Karaoke singen. Oder es uns samstagabends auf unserer Couch gemütlich machen und bei „The Voice Kids“ mitfiebern.

Jede Trennung hinterlässt Narben – vor allem, wenn Kinder im Spiel sind

Das heißt nicht, dass alles immer Friede, Freude, Eierkuchen ist. Jedes Elternteil, das eine Trennung hinter sich hat, weiß, dass das nicht so ist. Dass jede Trennung viele große und kleine Herausforderungen im Alltag mit sich bringt. Auch und gerade für unsere Kinder.

Und genau das macht uns oft das Mutter- oder Vaterherz so schwer. Weil wir das nicht gewollt haben. Nicht für uns und vor allem nicht für unsere Kinder. Weil wir unsere Ehe oder Beziehung anders geplant hatten.

Sich das als Elternteil einzugestehen ist schmerzhaft. Aber deswegen zu behaupten, jedes Scheidungskind sei unglücklich, wäre komplett vermessen. Eine Trennung tut weh und hinterlässt Narben, ja. Doch wenn Eltern bestmöglich damit umgehen, die Bedürfnisse ihrer Kinder fest im Blick haben und zwischen der vergangenen Paar- und der bleibenden Elternebene nach der Trennung gut unterscheiden können, kann das Leben auch ziemlich bald wieder ziemlich gut werden. In manchen Fällen sogar noch besser als zuvor. In diesem Text hier habe ich ausführlich darüber geschrieben.

Scheidung prägt – oft für das ganze Leben

Als ich den Scheidungskinder-Satz in meinem Kopf zum ersten Mal hin und hergeschoben habe, musste ich dabei auch an meine eigene Vergangenheit denken. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich vier Jahre alt war. War ich deswegen unglücklich?

Natürlich gab es schmerzhafte Momente und das Aufwachsen in einer Trennungsfamilie hat mich geprägt bis in mein Erwachsenenleben hinein.

Schwierig fand ich vor allem die Situationen, in denen meine Eltern Konflikte vor meinen Augen und Ohren ausgetragen haben und ich dabei das Gefühl hatte, mittendrin und zwischen beiden Fronten zu stehen. Das war richtig ungut.

Manche Gefühle kennen alle Trennungskinder

Mitzubekommen wie ein Elternteil schlecht über den anderen redet, fühlt sich als Kind ebenfalls mies an. Und dann gab es natürlich das Vermissen des einen Elternteils während ich beim anderen war. Gefühle wie diese kennen alle Trennungskinder und sie sind nicht schön. Oft prägen sie uns für unser ganzes Leben.

Aber dass ich deswegen in meiner Kindheit dauerunglücklich war, stimmt nicht. Ich erinnere mich an sehr viele schöne Momente. Und zwar mit beiden Elternteilen.

Ja, an Weihnachten gab es für mich doppelte Geschenke, aber das ist nicht das, was dein Kinderherz langfristig hüpfen lässt. Das ist vielleicht nett und angenehm im Moment, aber wirklich erfüllen tun materielle Dinge nicht, das spüren selbst Kinder schon, auch wenn sie es vielleicht noch nicht ausdrücken können. Was für mich wertvoller war: Die tragfähigen Beziehungen zu den neuen Partnern meiner Eltern.

Nicht alles an einer Scheidung muss schlecht sein

Meine Eltern sind beide inzwischen schon viele Jahre in einer neuen Partnerschaft und diese Bonus-Eltern waren in meiner Kindheit wichtig und inspirierend für mich.

Natürlich ist das eine andere Form von Zuneigung als zu den leiblichen Eltern, der neue Partner kann nie an die Stelle des anderen Elternteils rücken. Aber rückblickend kann ich sagen, dass ich durch die neuen Partner profitiert habe. Sie haben mir neue Blickwinkel aufs Leben eröffnet, mir neue Perspektiven gezeigt, mir Türen zur Welt geöffnet, die mir sonst vielleicht verschlossen geblieben werden.

Auch eine „heile Familie“ ist kein Garant für eine glückliche Kindheit

Als Scheidungskind groß zu werden war nicht leicht, nein – aber welche Kindheit ist das schon?

Heute, in meiner Arbeit als Trennungscoach, arbeite ich mit vielen Müttern zusammen, die aus „heilen Familien“ stammen. Und viele von ihnen hatten als Kind ebenfalls Herausforderungen zu meistern. Andere, aber manchmal nicht minder große.

Heute weiß ich: Eine „intakte Familie“ sieht oft leider nur von außen so aus. Eine meiner Freundinnen hat mir zum Beispiel oft erzählt: „Meine Eltern haben sich in meiner Kindheit so viel gestritten, ich hätte mir ehrlich gewünscht, dass sie sich getrennt hätten. Bei uns war die Stimmung immer furchtbar zu Hause.“

Das perfekte Leben ohne Schmerz gibt es nicht. Auch wenn wir uns das für unsere Kinder noch so sehr wünschen.

Ist eine Trennung der Eltern schön für Kinder? Sicher nicht. Sollten Eltern alles daran setzen, ihre Themen miteinander zu bearbeiten, um eine Trennung zu vermeiden? Ich finde ja. Muss ein Paar um jeden Preis und „der Kinder wegen“ zusammen bleiben, auch wenn beide oder einer von beiden in der Beziehung absolut unglücklich ist? Ich finde nicht.

Denn das Argument „der Kinder wegen“ ist meist nur ein Ausrede, um selbst nicht ins Handeln zu kommen. Denn einen wirklichen Gefallen tun wir unseren Kindern nicht, wenn sie in einem lieblosen Elternhaus aufwachsen müssen.

Es kommt auf die Umstände an – und irgendwann auf uns selbst

Scheidungskinder müssen früh im Leben mit einer großen Herausforderung zurecht kommen, das stimmt. Aber automatisch und dauerhaft unglücklich sind sie deswegen nicht, vor allem nicht wenn ihre Eltern sich beide weiterhin gut um sie kümmern. Das belegen auch diverse Studien zum Thema.

Und irgendwann dürfen wir uns alle sowieso von unseren Eltern frei machen und selbst die Verantwortung für unser Leben übernehmen – egal ob wir aus einer Trennungsfamilie kommen oder nicht.

Unsere Eltern legen die Basis – im besten Fall eine tragfähige und liebevolle

Heute als Coach für Mütter nach der Trennung und mit einem Abstand von 35 Jahren nach meiner als Kind erlebten Trennung weiß ich: Nicht unsere Eltern sind für unser Lebensglück verantwortlich. Auch nicht mein neuer Partner oder meine eigenen Kinder. Wir selbst sind es, die den Steuerknüppel unseres Lebens in der Hand halten. Wir entscheiden durch unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen, wie unser eigenes Leben verläuft – und welche Bewertung wir den Dingen und Situationen geben, die in unserem Leben passieren.

Als Erwachsene habe ich selbst die Verantwortung über mein Leben. Unsere Eltern legen dafür nur die Basis, im besten Fall eine gute mit einer gelungenen Bindung, viel Urvertrauen und einem Aufwachsen in einer sicheren und liebevollen Umgebung. Und das kann auch in einer Trennungsfamilie funktionieren. Und das vielleicht sogar besser, als in einer nur nach außen hin heilen Kernfamilie.

 

Über die Autorin

Christina Rinkl war früher Trennungskind und ist heute getrennt erziehende Mutter eines 8-jährigen Sohnes. Mit ihm, ihrem Partner und Baby lebt sie in einer Patchworkfamilie. Als Trennungscoach hilft sie Müttern wieder glücklich und selbstbewusst zu werden, indem sie ihnen zeigt, wie sie sich selbst stärken können – und damit auch ihre Kinder.

Mehr zu ihrer Arbeit unter www.trennungalschance.de

Von Christina Rinkl