„Wie lange sollten Paare zusammen sein, bevor sie Eltern werden?“, hat kürzlich eines meiner liebsten Elternmagazine gefragt. Im betreffenden Artikel schreibt die Autorin, dass sie gedanklich „Stopp!“ ruft, wenn frisch Verliebte von ihren Baby-Plänen erzählen. Vor allem, weil ein Kind seine Eltern für immer verbinde und man sich daher doch miteinander sicher sein solle. Das zeigt, dass Trennungen für Familien als großer Risikofaktor empfunden werden – sie „zerstören“ Familien. Allerdings sind nicht die Trennungen das Problem, sondern vielmehr eine Gesellschaft, in der Familie immer noch eng definiert wird und Alleinerziehende wenig geschützt und unterstützt werden.

Man kennt die warnenden Sprüche: „Augen auf bei der Partner*innenwahl“ oder „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“. Ich höre sie immer wieder, nachdem in Podcasts, Instagram-Posts und bei Bekannten über die Situation von Alleinerziehenden gesprochen wurde. Paare sollen sich ihr Gegenüber genau anschauen, bevor man zusammen eine Familie gründet. Getrennte Eltern? Haben das offensichtlich nicht geschafft – sonst wären sie wohl noch zusammen. Selbst schuld also, so die Theorie. Darin stecken verständliche Bedürfnisse nach Sicherheit und Kontrolle über das eigene Leben. Nach dem Motto: Wenn ich alles richtig mache, dann passiert mir nichts Schlimmes. Abgesehen davon, dass man seine Beziehungen und das eigene Leben sowieso nur bedingt kontrollieren kann: Was ist überhaupt so schlimm an einer Trennung mit Kindern?

Kurz gesagt: Trennungen mit Kindern sind riskant, insbesondere für Mütter, nicht binäre Eltern und ihre Kinder. Das liegt nicht an der Trennung selbst, sondern an unseren gesellschaftlichen Strukturen und Gesetzen. Durch sie leiden Alleinerziehende öfter an Burnout, Einsamkeit und Depressionen. Alleinerziehende bekommen seltener eine Wohnung zur Miete und gerade mal die Hälfte kriegt vom Ex-Partner jemals Kindesunterhalt – nur ein Viertel regelmäßig. Sogenannte „Trennungskinder“ leiden langfristig nicht unter getrennten Eltern. Aber unter unzuverlässigen Elternteilen, Armut, einem niedrigen sozialen Status, fehlenden Bildungschancen.

Alleinerziehenden wird schnell ihre Erziehungsfähigkeit abgesprochen, weshalb ihnen immer öfter ihre Kinder entzogen werden: Da reicht es schon, mit dem Kind im gleichen Bett zu schlafen – oder im Rollstuhl zu sitzen und das Jugendamt um eine Assistenz zu bitten. Aber die Trennungen oder Ein-Eltern-Familien sind nicht das Problem. Getrennte Elternschaft muss möglich gemacht werden, ohne dass Familien daraus Nachteile entstehen – und womöglich nur deshalb in einer ungesunden Beziehung verharren. Und sie muss möglich sein, ohne Existenzen zu bedrohen.

Es sind meistens Frauen und nicht binäre Personen, die partnerschaftliche Gewalt erfahren. Für sie und ihre Kinder ist die Trennung vom Ex existenziell bedrohlich. Das geht aus einem aktuellen Bericht zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland hervor, den das Bündnis Istanbul Konvention erstellt hat. Die Frauen*rechtsorganisationen, -verbände und Expert*innen schreiben: „Empirische Untersuchungen zeigen, dass in der Trennungsphase das Gewalt- und Tötungsrisiko für Frauen und Kinder um ein Fünffaches höher ist.“ Das liegt nicht an der Trennung, sondern am fehlenden Schutz durch Polizei, Gerichte und das Jugendamt.

Eine geschützte Trennung vom gewalttätigen Ex-Partner ist ein Privileg, das viele Menschen nicht haben. Im Gegenteil: Aus dem Bericht geht hervor, dass Familiengerichte, Polizei, Gutachter*innen und Mitarbeiter*innen bei Jugendämtern nicht ausreichend geschult sind zu geschlechtsspezifischer Gewalt. Darum wird weiblich gelesenen Personen, die Gewalt anzeigen, nicht geglaubt. Darum bewerten gerichtliche Gutachter*innen Mütter und nicht binäre Elternteile, die Gewalt anzeigen, als „bindungsintolerant“ gegenüber dem Ex. Darum wird nach langen Sorgerechts- und Umgangsverfahren vor Gericht immer noch das Umgangsrecht von Vätern vor den Gewaltschutz der betroffenen Elternteile und ihren Kindern gestellt. Die Lage wird schlicht falsch eingeschätzt. So falsch, dass manche Eltern, die den gewalttätigen Ex anzeigen, ihre Kinder an den Vater verlieren – weil sie als manipulativ abgestempelt werden. Dieses System sagt uns, dass Frauen und nicht binäre Eltern sich lieber nicht von ihrem Partner trennen und besser schweigen sollten. Weil sie sonst zu Verlierer*innen gemacht werden.

„Augen auf bei der Partner*innenwahl“ hat in unserer Gesellschaft also einen wahren Kern: Ob ich eine gefühlte Kontrolle über mein Leben und meine Sicherheit habe, hängt von meinen Beziehungen ab – die aber nur zufällig gelingen oder eben nicht. Denn das System wird sich nicht um mich kümmern, nicht mit seinen aktuellen Strukturen. Mein Problem: Wenn ich noch ein zweites Kind kriegen möchte, dann habe ich jetzt in meinen 30ern wirklich keine Zeit dafür, eine*n Partner*in erst fünf Jahre kennenzulernen, um mich dann für Hopp oder Flop zu entscheiden. Und noch mal: Wie gut kenne ich die Person dann wirklich? Wir können uns also nicht schützen vor diesem System.

Lieber wünsche ich mir also ein System, in dem eine Trennung vom Ex kein Risiko mehr für mich und meine Kinder darstellt. Ich wünsche mir ein System, in dem mir geglaubt wird. Ich wünsche mir ein System, in dem ich für meinen Status als getrennte Mutter oder nicht binäre Person genauso respektiert werde wie alle anderen Eltern auch. Ich wünsche mir nicht, dass Trennungen tabuisiert und Angst geschürt wird, sondern aufgeklärte Institutionen von der Polizei bis zum Gericht, eine bessere Steuerklasse II, familienfreundliche Arbeitsplätze, eine Kindergrundsicherung, kinderfreundliche Städteplanungen, hochwertige und günstige Kitaplätze für alle. Und wenn wir schon dabei sind, wünsche ich mir, dass meine Freund*innen und ich auch ohne Partner*innen leicht und voller Vorfreude Kinder bekommen können. Wir pflegen schon lange gute Beziehungen – zu uns selbst. 

Von Anne Dittmann