Unsere Gründerinnen Barbara und Sara kennen sich seit gut zwanzig Jahren. Vom Studium. Im Rheinland. Heute lebt Barbara in Berlin und Sara in einer ostwestfälischen Kleinstadt — beide sind alleinerziehend. In ihrem Alltag gibt es viele Überschneidungen und doch ist ein Unterschied gravierend: die Umgebung.

Sara: Liebe Barbara, als ich 2007 nach Berlin zog, warst Du gerade Mutter geworden und zwei, drei Jahre später allein- bzw. getrennterziehend. Wie sieht Dein Familienleben heute aus?

Barbara: Meine große Tochter ist Vierzehn und lebt im 50-50-Wechselmodell bei mir und ihrem Vater. Mit meiner Neunjährigen bin ich von Beginn an alleine.

Der Vater der Großen wohnt glücklicherweise nur eine S-Bahn-Station entfernt, zusammen mit seiner Partnerin, die bereits einen erwachsenen Sohn hat. Wir sind seit über zehn Jahren getrennt. Über Phasen verstehen wir uns super und dann gibt es wieder Zeiten, in denen es eine ziemliche Herausforderung ist, miteinander zu kommunizieren. Summa summarum lässt sich aber sagen: Wir teilen uns die Verantwortung für unser gemeinsames Kind.

Der Vater meiner kleinen Tochter hat sich schon sehr früh aus unserem Leben verabschiedet. Sie redet nicht gerne über ihn. Manchmal denkt sie sich jedoch Geschichten über ihn aus: Zum Beispiel, dass ihr Vater verstorben sei, woraufhin ich voller Mitleid auf seinen Tod und mein Dasein als Witwe angesprochen wurde.

Zur Verantwortung lässt sich hier sagen: Der Kindsvater zahlt den monatlichen Mindestunterhalt, hält sich aber ansonsten vollständig raus — mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt.

Sara: Vor- und Nachteile? In Berlin-Friedrichshain ist es doch fast normal alleinerziehend zu sein, oder?

Barbara: Beinahe schon. Fast alle meine Freunde und Bekannten leben in Patchwork-Konstellationen, die Kids wohnen in verschiedenen Modellen mal bei der Mutter, mal beim Vater.

Ein Kind vollständig ohne Vater großzuziehen? Dieses Modell begegnet einem aber selbst in Berlin nicht alle Tage. In ihrer Kita war meine Tochter beispielsweise die einzige und in ihrer Grundschulklasse ebenfalls — zumindest, wenn man den Klassenkameraden außen vor lässt, der ohne seinen biologischen Vater, dafür aber mit einem Stiefvater aufwächst.

Friedrichshain ist bunt, kreativ und vielfältig. Das Schöne ist: Wir fallen hier nicht auf. Als wir vor ein paar Jahren etwa von Mitte nach Friedrichshain gezogen sind und ich uns beim Bürgeramt ummelden wollte, musste ich die Vollmacht, die ich dazu vom Vater meiner großen Tochter dabei hatte, noch nicht einmal vorzeigen. Genauso erging es mir auch bei der Wohnungssuche. Die Abwesenheit der Väter meiner Kinder haben den Vermieter nicht interessiert.

Und noch ein Vorteil: Leute, die wie wir nicht im klassischen Familienmodell leben, kommen mir häufig spontaner und flexibler vor. Mit ihnen kann ich mich sonntags früh zu einem Ausflug verabreden, während die Menschen in den klassischen Familienmodellen den Sonntag meistens als Familienzeit im geschlossenen Kreis beanspruchen. Besuchskinder sind bei uns immer herzlich willkommen und ich muss mich mit keinem zweiten Erwachsenen absprechen, ob demjenigen ein weiteres Kind ebenfalls gerade recht ist.

Als meine zweite Tochter noch klein war und wir viel mit dem Kinderwagen oder Buggy unterwegs waren, habe ich die riesengroße Auswahl an Möglichkeiten, die mir in Berlin zur Verfügung standen, sehr genossen. Es gibt Babymassageworkshops, PeKIP-Gruppen, Tragetuchseminare, Spielplätze, Spielcafés etc. und stets bester Café to go und New-York-Cheesecake en masse in greifbarer Nähe. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Überall ist es immer voll mit anderen Menschen. Die Straßen sind verstopft, Parkplätze heiß umkämpft. Auf Dauer: kräftezehrend.

Sara: Das heißt?

Barbara: Aktuell spiele ich mit dem Gedanken aufs Land zu ziehen. Weil mir Berlin im Moment einfach zu viel ist. Zu laut, zu dreckig, zu unfreundlich, zu hart. Seit der Corona-Pandemie dominieren die Berlin-Nachteile gegenüber den -Vorteilen. Wenn ich jedoch in den aus ländlichen Gebieten stammenden Annoncen auf Immobilienscout lese: „Wohnung super geeignet für zwei Erwachsene und ein Kind.“ bekomme ich es mit der Angst zu tun. Ist die Wohnung dann nicht geeignet für eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern? Würden wir als Sonderlinge beäugt werden, wenn ich mich um eine solche Wohnung bemühen würde?

Da mein Familienmodell selbst in Berlin nicht alltäglich ist, stelle ich es mir schwer vor, in einer kleinen Stadt in konservativem Umfeld zu leben.

Barbara: Würde ich mich als Außenseiterin fühlen? Hätten meine Kinder mit Vorurteilen zu kämpfen? Sag Du es mir!

Sara: Klar, hier in der Kleinstadt prägt das klassische Bild von Vater, Mutter und Kindern den Alltag. Als ich hierherzog, wollte ich einen Stammtisch für Alleinerziehende ins Leben rufen, es gab aber keinen Bedarf. Auf meinen Aufruf am Schwarzen Brett der Kita haben sich zwei Mütter gemeldet. So wenig Resonanz hatte ich selbst hier nicht erwartet. Mittlerweile kenne ich aber immerhin eine Handvoll Single Moms.

Ich bin ja allein- bzw getrennterziehend seit meine Tochter 10 Monate alt ist. Dass Kinder bei einer Trennung noch so klein sind, ist hier besonders selten. Und klar: Es gibt viele Bilderbuchfamilien. Paare, die früh wissen, dass sie zusammengehören, heiraten, ein Haus bauen, eine Familie gründen. Trennung ist keine Option.

Barbara: Warum nicht?

Das frage ich mich auch oft. Vielleicht weil ‚es sich nicht gehört‘? Oder, weil die Frau nicht wüsste, wie sie für sich und die Kids von einem 450-Euro- oder Halbtagsjob den gewohnten Lebensstandard finanzieren sollte? Hier leben eben noch viele das klassische Westdeutsche Familienmodell unserer Elterngeneration. Ob deshalb viele nur aus Mangel an Optionen noch zusammen und eigentlich alle unglücklich sind vermag ich nicht zu beurteilen. Fest steht: Falls nicht gerade im Schützenfestzelt, auf der Herbstkirmes oder bei der jährlichen Frauentour ein bisschen Unvernunft in der Luft liegt, sind alle halbwegs zufrieden. Wahrscheinlich läuft nicht immer alles rosig, aber ‚man rauft sich zusammen‘.

Barbara: Fühlst Du Dich dazwischen manchmal unwohl?

Günstigere Mieten, familiärere Strukturen und ein sicheres Netzwerk aus Eltern, Geschwistern und langjährigen Wegbegleitern waren ausschlaggebend wieder hier her zu ziehen. Und so sehr ich mein Leben in Großstädten wie Köln, München, Hamburg oder Berlin vermisse, so sehr weiß ich in meiner aktuellen Lebenssituation die Kleinstadt zu schätzen. Hier fühle ich mich geborgen und eingebunden. Man kennt sich. Die Wege sind kurz und vieles ist bequem.

Zum Glück konnte ich an Freundschaften meiner Jugendzeit anknüpfen, ein paar eingeschlafene Kontakte wieder aufleben lassen und ich habe auch einige tolle neue Leute kennengelernt. Sie alle nehmen mich so, wie ich bin und wie unsere Familiensituation ist. Sie unterstützen und helfen auch — dafür bin ich dankbar.

Trotzdem hat das Single-Mom-Dasein in der Kleinstadt auch Schattenseiten. Oft werde ich zu Treffen oder Aktivitäten anderer Familien nicht eingeladen. Das könnte ein Zufall sein. Vielleicht sehe ich auch ein Problem, wo keins ist? Oder die anderen vergessen mich einfach manchmal? Schließlich kann ich seltener dabei sein, weil Ausgeh- immer mit Babysitterzeiten übereinstimmen müssen.

Eine verwitwete Mutter meiner Freundin hat mal gesagt: ‚Sara, Du musst auch die Frauen verstehen, die in einer Partnerschaft leben. Viele von denen betrachten jede Single-Frau, die ihren Männern zu nahekommen könnte, als Bedrohung für die eigene Partnerschaft. Und bei einer lebensfrohen Frau, die Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit ausstrahlt, wittern die sie vielleicht eine besondere Gefahr.‘ Ein bisschen was könnte aber dran sein, an dieser Theorie, dabei will ich deren Männer doch gar nicht. Meine Tochter und ich sind nämlich gut so, wie wir sind: eine ganz normale Familie, bestehend aus Mutter und Kind.

Von Barbara Pascaly und Sara Buschmann

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