Wir sind nicht wenige und werden doch — das zeigen Studien und mahnen Verbände — in unserer Gesellschaft oft benachteiligt:

Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern machen mit 1,5 Millionen rund ein Fünftel aller Familienformen in Deutschland aus. Geht es jedoch um Familientickets für den Zoo oder das Freibad, um Steuerfreibeträge, leistbaren Wohnraum und bezahlbare Kinderbetreuung oder um politische Teilhabe und Partizipation auf dem Arbeitsmarkt, werden Ein-Eltern-Familien oft nicht mitgedacht. Dabei kann es jede/n treffen!

Vorurteile und Stigmatisierungen

Viele Alleinerziehende sind genervt von Vorurteilen und Stigmatisierungen: Entweder wir sind »Superheldinnen« oder bemitleidenswert. Gesundes Mittelmaß? Fehlanzeige. Die Gesellschaft unterstellt Alleinerziehenden nicht selten Bedürftigkeit, fehlende Belastbarkeit oder Beziehungsunfähigkeit. Häufig stecken dahinter Glaubenssätze wie etwa »die oder der ist selbst schuld« oder »die oder der hat es doch so gewollt«. Dabei sind die Gründe des Alleinerziehens sehr verschieden.

Übrigens: Alleinerziehende bewerten ihre Lebensform nicht selten als Übergangsphase, der andere Familienkonstellationen vorausgegangen sind und neue nachfolgen können. So leben beispielsweise rund ein Drittel aller Alleinerziehenden in Partnerschaften und nach drei Jahren haben 25 Prozent bereits wieder eine neue Beziehung.

Veränderte Lebensrealität kommt nicht an

Die Lebensrealität von Familien hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Immer mehr Eltern erziehen alleine oder getrennt. Die Akzeptanz und Anerkennung der Herausforderungen Alleinerziehender hinkt jedoch noch deutlich hinterher. Es wird Zeit, dass Ein-Eltern-Familien als gleichberechtigte Familienform anerkannt und ihre Leistungen wertgeschätzt werden. Auch die Familienpolitik muss endlich nachziehen.

 Alleinerziehende haben steuerliche Nachteile

»Ehegattensplitting ist, wenn mein Kollege jeden Monat mehrere Hundert Euro weniger Steuern zahlt, als ich mit drei Kindern — weil er verheiratet ist.« So oder so ähnlich erleben es viele. Unglaublich, aber wahr:

Das deutsche Steuerrecht wirkt sich negativ auf Alleinerziehende aus. Profitieren verheiratete Paare von bis zu 15.000 Euro Steuervorteilen im Jahr, ähnelt Steuerklasse II der Besteuerung von Singles. Zwar ist der Entlastungsbetrag für Alleinerziehende just —zunächst auf Grund der Corona-Pandemie und dann dauerhaft — von 1.908 auf 4.008 Euro erhöht worden, fair ist dieses Modell jedoch immer noch nicht.

Unser Staat subventioniere diese Steuervorteil übrigens mit jährlich 20 Milliarden Euro, so Nicola Stroop, Vorsitzende des Verbands allein erziehender Mütter und Väter in NRW. Durch die gemeinsame Berechnung des zu versteuernden Einkommens von Ehepaaren fehlten der Staatskasse dann zusätzlich bis zu acht Milliarden Steuerentlastungsvolumen, berechnete die Friedrich-Ebert-Stiftung.

Auch ungerecht: Verdient ein Kind irgendwann eigenes Geld, etwa nach der Lehre, und bleibt im Haushalt leben, so fällt der oder die Alleinerziehende sofort auf Steuerklasse I zurück. Dies gilt auch, wenn alle Kinder, etwa zum Studieren, ausgezogen sind.

Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter fordert deshalb schon lange eine »Individualbesteuerung« unabhängig von der Lebensform. Eine »Kindergrundsicherung« wird ebenfalls angestrebt, so würden Kinder direkt, statt über Steuervorteile der Eltern, gefördert.

Unterhalt kommt nicht oder selten an

Noch ein Problem: Viele Alleinerziehende werden um Unterhalt betrogen. Die Hälfte der alleinerziehenden Mütter bekommt gar keine Unterhalt und nur jeder vierte Vater zahlt, was er muss. 70 Prozent aller Alleinerziehenden haben außerdem Probleme ihre sowie die Unterhaltsansprüche ihrer Kinder gerichtlich durchzusetzen. Seit der Unterhaltsreform im Jahr 2008 gilt im Groben: Alleinerziehende sind i.d.R. ab dem dritten Lebensjahr des Kindes finanziell auf sich selbst gestellt. Dabei wird übersehen, dass es aktuell in Familien fast immer üblich ist, dass ein Elternteil beruflich kürzer tritt solange die Kinder klein sind — meist die Mütter. Auch nach einer Trennung bleiben die Kinder zu rund 90 Prozent im Haushalt der, dann meist Teilzeit arbeitenden, Mutter. Frauen sind somit deutlich armutsgefährdeter als Männer, auch über das Ende ihrer Erwerbstätigkeit hinaus.

Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglichen

Und apropos Erwerbsarbeit: Alleinerziehende stehen joblich oft vor einem Dilemma, wenn sie ihren Familienstand erwähnen, da ihnen oft mangelnde Flexibilität und Belastbarkeit unterstellt wird. 60 Prozent der erwerbstätigen, alleinerziehenden Mütter arbeiten in Teilzeit. Viele von ihnen sind auf schlecht bezahlte Jobs im Handel oder der Gastronomie angewiesen. Normale Öffnungszeiten in Kitas und Schulen seien bis heute nicht auf Arbeitszeiten von Alleinerziehenden in Vollzeitjobs ausgerichtet, so Stroop. Es fehle immer noch an U3- und Hort- oder OGS-Plätzen.

Institutionen und Alleinerziehende fordern deshalb flexiblere Strukturen in der Arbeitswelt, Zeitkonten und Home-Office-Regeln. Kurz: mehr und nachhaltigere Teilhabe am Arbeitsmarkt für Alleinerziehende.

Viele Alleinerziehende werden selbst aktiv

Doch wo Strukturen und die Politik immer noch versagen, werden Alleinerziehende zunehmend selbst aktiv. Sie gründen Vereine, Communities oder Selbsthilfegruppen und finden individuelle Wege aus der Negativspirale. Alleinerziehende sollten ihre Rechte kennen und für diese einstehen. Dazu gehört auch nach Hilfe zu fragen und Unterstützung anzunehmen. Es ist wichtig seine eigenen Bedürfnisse wahr- und ernst- sowie das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen. So entstehen Selbstbewusstsein und Zuversicht.

Und zum Glück: Viele Alleinerziehende bewerten ihre eigene Situation, laut BMFJF, als »überwiegend positiv, verfügen über ein hohes Selbstvertrauen und haben verschiedene Strategien, die Herausforderung des Alltags zu bewältigen«.

Von Sara Buschmann